Große Expertenumfrage

Wohin steuert die Industrierobotik?

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Statements von Michael Mayer-Rosa, Jens Riegger und Alexander Mühlens

Fragen an die Experten

1. Was bremst den breiten Robotikeinsatz in der Industrie derzeit am stärksten?

2. Wo bringt KI in der Industrierobotik heute schon echten Mehrwert?

3. Wie werden humanoide Roboter künftig eingesetzt und wie verändern sie die Mensch‑Roboter‑Zusammenarbeit in der Fertigung? 

Michael Mayer-Rosa, Delta Electronics

Michael Mayer-Rosa ist Senior Director Industrial Automation Business Group EMEA & Head of Intelligent Robot Systems, Delta Electronics.
(Bild: Delta Electronics)

1. Der größte Bremsklotz ist der Integrationsaufwand gepaart mit dem akuten Fachkräftemangel. Die Hardware ist längst ausgereift, aber die Implementierung in bestehende Prozesse (Brownfield) ist für viele - speziell im Mittelstand - noch zu starr, komplex und zeitaufwendig. Hohe Erwartungen an Flexibilität treffen auf fehlendes Robotik-Know-how. Der Markt verlangt nach „Plug-and-Produce“: Robotik muss sich heute ohne tiefe Programmierkenntnisse deutlich schneller und wirtschaftlicher integrieren lassen. Genau hier setzen modulare und KI-gestützte Ansätze an

2. Den größten Hebel bietet KI heute in der Machine Vision und der adaptiven Steuerung. KI-gestützte Kamerasysteme machen Roboter fähig für den „Griff in die Kiste“ (Bin-Picking) und revolutionieren die Qualitätskontrolle bei hoher Varianz. Zudem erleben wir durch den Einsatz von KI einen Durchbruch bei der einfachen Programmierung (No-Code) und Bedienung. Das Stichwort lautet „Physical AI“: Roboter führen nicht mehr nur stur Code aus, sondern reagieren intelligent auf unstrukturierte Umgebungen, lernen aus Demonstrationen und passen sich nahtlos an Veränderungen an.

3. Humanoide Roboter werden dort ihren Durchbruch erleben, wo herkömmliche Automatisierung an Grenzen stößt - nämlich in für Menschen gebauten, hochvariablen Umgebungen. Sie werden den Menschen nicht verdrängen, sondern als universelle Helfer physisch belastende, ergonomisch kritische oder monotone Aufgaben übernehmen. Die Mensch-Roboter-Kollaboration wandelt sich dadurch von der stationären Zelle hin zu einer dynamischen, intuitiven Zusammenarbeit auf der gesamten Fläche. Entscheidend für den breiten Rollout wird jedoch sein, dass diese Systeme absolute Sicherheit garantieren und einen klaren ROI aufweisen.

Robotik muss sich heute ohne tiefe Programmierkenntnisse deutlich schneller und wirtschaftlicher integrieren lassen.

Michael Mayer-Rosa

Jens Riegger, Fruitcore Robotics

Jens Riegger ist CEO & Co-Founder der Fruitcore Robotics GmbH.
(Bild: Fruitcore Robotics GmbH)

1. Der größte Bremsfaktor ist Komplexität. Viele Unternehmen automatisieren nicht, weil Robotik als zu teuer und aufwendig wahrgenommen wird. Zudem sind viele Projekte Sonderlösungen und dauern oft Monate. Robotik wird erst dann breiter eingesetzt, wenn Automatisierung einfacher, schneller und wirtschaftlicher wird.

2. KI bringt dort echten Mehrwert, wo sie Komplexität reduziert und Anwender im Produktionsalltag konkret unterstützt. Bei Fruitcore Robotics haben wir seit 2023 einen AI Copilot in unsere Software integriert, seit 2025 ergänzt durch Sprachsteuerung. Anwender können Fragen stellen, Unterstützung bei der Fehlersuche erhalten und Programmierschritte einfacher ausführen.Der nächste Schritt geht in Richtung „Prompt-to-Produce“. Anwender beschreiben über natürliche Sprache, was automatisiert werden soll. Ein Intelligence-Layer übersetzt diese Eingabe in Roboteraktionen. So lassen sich Einrichtungs- und Projektierungszeiten deutlich reduzieren.

3. Humanoide Roboter werden dort eingesetzt, wo klassische Systeme an Grenzen stoßen: bei variantenreichen Prozessen, komplexer Teilehandhabung oder Aufgaben, die hohe Flexibilität erfordern. Entscheidend ist, dass humanoide Robotik industrietauglich wird, denn in der Produktion zählen Robustheit, Präzision und Wirtschaftlichkeit. Industrial Humanoids sind ein wichtiger Zwischenschritt auf diesem Weg. Mit Plexa One verfolgen wir genau diesen Ansatz: Unser Industrial Humanoid basiert auf unserer bewährten Robotertechnologie und ist stationär oder mobil einsetzbar. Roboter werden dadurch zu flexiblen Automatisierungspartnern, während Mitarbeitende ihr Prozesswissen einbringen und monotone oder ergonomisch belastende Tätigkeiten abgeben.

KI bringt dort echten Mehrwert, wo sie Komplexität reduziert und Anwender im Produktionsalltag konkret unterstützt.

Jens Riegger

Alexander Mühlens, Igus

Alexander Mühlens ist Prokurist und Leiter Low Cost Automation bei der Igus SE & Co. KG.
(Bild: Igus)

1. Der größte Pain beim breiten Einsatz von Robotik in der Industrie liegt aktuell in den Kosten und der Komplexität. Viele Unternehmen scheuen die Investition in Robotertechnologie, weil sie befürchten, dass Programmierung, Integration und Wartung zu aufwendig und teuer sind. Zudem fehlt es oft noch an Schnittstellen zwischen Robotik und bestehenden Produktionssystemen, die kosteneffizient und einfach umzusetzen sind. Unser Ansatz bei Igus ist es, mit modularen und kostengünstigen Roboterlösungen und intuitiver Steuerung diese Hürden gezielt zu senken und die Hemmschwelle für Unternehmen zu überwinden. Denn: Robotik muss bezahlbar und einfach integrierbar sein.

2. KI und Machine Learning erweitern die Fähigkeiten unserer Systeme zunehmend. Wir integrieren etwa KI-basierte Sprach- und Gestensteuerungen über Plattformen wie Amazon Alexa oder ROS 2 sowie Vision-Systeme für intelligente Bauteilerkennung. Mithilfe von CAD-Daten trainieren wir unsere Roboterlösungen in der Cloud, sodass sie Gegenstände erkennen und gezielt greifen oder sortieren können – ein entscheidender Schritt für die Optimierung ganzer Anwendungen. KI macht Roboter also nicht nur leistungsfähiger, sie macht sie zugänglicher, flexibler und wirtschaftlicher. Genau das ist der Hebel für die breite Industrieanwendung.

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3. Humanoide Roboter werden künftig dort eingesetzt werden, wo ihre Menschähnlichkeit klare Vorteile bringt – zum Beispiel bei Tätigkeiten, die auf menschliche Ergonomie ausgelegt sind oder ein hohes Maß an sozialer Interaktion erfordern. Ihr Einsatz in der Industrie dürfte dabei ergänzend bleiben: Spezialisierte Industrierobotik behält ihre Stärken überall dort, wo es um große Stückzahlen, hohe Gewichte oder maximale Effizienz geht – und wird das auch künftig tun. In der Fertigung wird es vielmehr darum gehen, die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Roboter weiterzuentwickeln. Mensch und Roboter agieren als Team: Der Roboter übernimmt die repetitiven, körperlich belastenden und gefährlichen Aufgaben – der Mensch behält die übergeordnete Kontrolle und Entscheidungshoheit.

Der größte Pain beim breiten Einsatz von Robotik in der Industrie liegt aktuell in den Kosten und der Komplexität.

Alexander Mühlens