Große Expertenumfrage Wohin steuert die Industrierobotik?

Von Tino Böhler 16 min Lesedauer

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KI, humanoide Helfer und No-Code: Die Industrierobotik steht vor einem Quantensprung. Doch was bremst die Skalierung? In unserer Expertenumfrage 2026 analysieren Branchenführer von ABB bis Yaskawa die Trends. 

Was sind die aktuellen Trends im Bereich Industrierobotik? Wir haben 13 Experten und Expertinnen befragt.(Bild:  Anbieter/WIN-Verlag)
Was sind die aktuellen Trends im Bereich Industrierobotik? Wir haben 13 Experten und Expertinnen befragt.
(Bild: Anbieter/WIN-Verlag)

Lesen Sie, wie Physical AI die Lücke zwischen Simulation und Fabrik schließt, warum einfache Integration den Mittelstand entlastet und welche Rolle humanoide Roboter künftig spielen. Ein tiefer Einblick in Technik, Hürden und die Resilienz der vernetzten Fertigung.

Fragen an die Experten

1. Was bremst den breiten Robotikeinsatz in der Industrie derzeit am stärksten?

2. Wo bringt KI in der Industrierobotik heute schon echten Mehrwert?

3. Wie werden humanoide Roboter künftig eingesetzt und wie verändern sie die Mensch‑Roboter‑Zusammenarbeit in der Fertigung? 

Marc-Oliver Nandy, ABB Robotics

Marc-Oliver Nandy ist Cluster Manager der DACH-Region bei ABB Robotics.
(Bild: ABB Robotics)

1. Tatsächlich beobachten wir das Gegenteil von Bremsen. Vielmehr gewinnt der Markt spürbar an Dynamik, weil Unternehmen Automatisierung als Antwort auf Fachkräftemangel, steigende Qualitätsanforderungen und den Wunsch nach resilienteren Produktionsprozessen sehen. Unsere Robotiklösungen sind heute flexibler, intuitiver bedienbar und schneller integrierbar als je zuvor. Entscheidend ist die einfache Programmierung unserer Roboter, Cobots und autonomen mobilen Roboter sowie deren schnelle Amortisation und Skalierbarkeit.

2. Unser KI-Assistent in RobotStudio nutzt generative KI, um die Roboterprogrammierung schneller, einfacher und zugänglicher zu gestalten. Zudem sind seit Mitte März die Nvidia Omniverse-Bibliotheken in RobotStudio integriert. Damit implementieren Industrieunternehmen physische KI in ihre realen Robotikanwendungen und schließen so die Lücke zwischen der Theorie am Computer und der Praxis in der Fabrik – auch als „Sim-to-Real“-Lücke bekannt. Bei ABB Robotics gehen wir die Produktentwicklung – auch in Sachen KI – stets aus Sicht des Nutzers an. So kommen unsere KI-gestützten Robotiklösungen bereits in unterschiedlichen Anwendungen und Branchen zum Einsatz – vom autonomen Navigieren über Pick-&-Place bis zur Qualitätssicherung.

3. Die Robotik erlebt durch generative KI einen Quantensprung. Roboter verstehen ihre Umgebung zunehmend selbstständig, planen Aufgaben eigenständig und arbeiten enger mit Menschen zusammen. Basis sind autonome, vielseitige Roboter (AVR), die wir gezielt weiterentwickeln. Humanoide Systeme werden wir zunächst mehr im Service- und Consumer-Bereich sehen – in der Fertigung und industriellen Einsatzszenarien bleiben radbasierte Plattformen unseres Erachtens meist überlegen.

Entscheidend ist die einfache Programmierung unserer Roboter, Cobots und autonomen mobilen Roboter sowie deren schnelle Amortisation und Skalierbarkeit.

Marc-Oliver Nandy

Rory Sexton, Agile Robots

Rory Sexton ist Executive Director bei Agile Robots. (Bild:  Agile Robots)
Rory Sexton ist Executive Director bei Agile Robots.
(Bild: Agile Robots)

1. Viele Entscheider halten Roboter noch immer für kompliziert, teuer und schwer zu integrieren. Hier hat sich einiges getan: KI-gestützte Roboter übernehmen heute komplexe Aufgaben mit deutlich geringerem Programmieraufwand und passen sich eigenständig an neue Anforderungen an. Dadurch wird auch die Integration in bestehende Prozesse erheblich vereinfacht. Hinzu kommt, dass sich Roboter mittlerweile schnell amortisieren: Durch höhere Produktivität, konstante Prozessqualität und reduzierte Ausschussquoten erzielen Unternehmen bereits nach kurzer Zeit spürbare Effizienzgewinne.

2. Physical AI verleiht KI eine physische Dimension. Sie befähigt Roboter dazu, ihre Umgebung aktiv wahrzunehmen, kontinuierlich aus realen Industriedaten zu lernen und ihr Verhalten autonom in Echtzeit anzupassen: Roboter führen Aufgaben wie Materialtransport, Maschinenbedienung oder filigrane Montagearbeiten eigenständig und ohne komplexe Programmierung aus. Das macht Produktionsprozesse flexibler, robuster und effizienter und verwandelt Fabriken in intelligent vernetzte Systeme, die sich dynamisch an neue Anforderungen anpassen.

3 Humanoide Roboter sind in der Lage, Aufgaben an verschiedenen Arbeitsstationen zu übernehmen und flexibel auf neue Anforderungen zu reagieren. Darüber hinaus unterstützen sie bei repetitiven, ergonomisch belastenden oder potenziell gefährlichen Tätigkeiten und ermöglichen es Mitarbeitenden, sich stärker auf komplexere und abwechslungsreichere Aufgaben zu konzentrieren. Ihr Potenzial sehen wir besonders in der Produktion und Logistik: beim Materialtransport, beim Ein- und Auspacken von Bauteilen sowie bei der Bedienung von Maschinen. Unsere weltweit führende Agile Hand führt bereits heute präzise Montagearbeiten aus.

KI-gestützte Roboter übernehmen heute komplexe Aufgaben mit deutlich geringerem Programmieraufwand und passen sich eigenständig an neue Anforderungen an.

Rory Sexton

Alexander Murygin, Carl Cloos Schweißtechnik 

Alexander Murygin ist Global Product Manager – Robotics & Control Systems bei der Carl Cloos Schweißtechnik GmbH.
(Bild: Carl Cloos Schweißtechnik GmbH)

1. Der Fachkräftemangel gilt zwar als zentraler Treiber für Automatisierung, gleichzeitig fehlt bei vielen Unternehmen noch das notwendige Robotik-Know-how. Hinzu kommt, dass viele Systeme weiterhin als zu komplex in Bedienung und Programmierung wahrgenommen werden. Hohe Integrationsaufwände und fehlende Standards erschweren zusätzlich den Einstieg. Gerade mittelständische Unternehmen wünschen sich daher vor allem einfache, schnell produktive und robuste Lösungen. Gleichzeitig bestehen häufig Sorgen vor Stillständen sowie vor unzureichender Servicekompetenzen. Diese Faktoren beeinflussen die Investitionsentscheidungen deutlich.

2. KI entfaltet ihren Nutzen aktuell vor allem als intelligentes Assistenzsystem. Sie unterstützt bei der Fehleranalyse und Prozessoptimierung, vereinfacht die Bedienung – insbesondere für weniger erfahrene Anwender – und trägt zur Stabilisierung von Prozessen bei. Weitere wichtige Anwendungsfelder sind die Qualitätsüberwachung, adaptive Prozessregelungen sowie die Zustandsüberwachung im Sinne von Predictive Maintenance. Insgesamt liegt der Fokus derzeit klar im Bereich intelligenter Assistenzsysteme mit direktem Praxisnutzen.

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3. Kurzfristig werden sich in der Industrie vor allem spezialisierte kollaborative Systeme durchsetzen, nicht humanoide Roboter. Entscheidend sind Zuverlässigkeit, Wirtschaftlichkeit und Prozesssicherheit. Diese Anforderungen erfüllen spezialisierte Systeme aktuell besser. Humanoide Roboter könnten perspektivisch bei flexibleren Aufgaben etwa in Handling oder Logistik an Bedeutung gewinnen. In klassischen Schweiß- und Produktionsumgebungen bleiben jedoch spezialisierte Robotersysteme die effizientere Lösung. Der Mensch bleibt dabei zentral, insbesondere für Prozesswissen, Qualitätssicherung und Entscheidungen.

Kurzfristig werden sich in der Industrie vor allem spezialisierte kollaborative Systeme durchsetzen, nicht humanoide Roboter.

Alexander Murygin