Reihenfolgeplanung So führt Sequencing zu stabilen Abläufen

Von Elena Günzler 4 min Lesedauer

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Vor allem bei OEM und Zulieferern mit eng getakteten Linien entscheidet die Auftragsabfolge darüber, ob Prozesse stabil laufen, Engpässe nicht eskalieren und sich Lieferzusagen einhalten lassen. Genau hier setzt Reihenfolgeplanung – Sequencing – an und wird zunehmend zur relevanten Steuerungsgröße.

Eine gute Sequenz entlastet Anlagen ebenso wie Mitarbeitende und reduziert die Wahrscheinlichkeit ungeplanter Eingriffe. Sie stabilisiert das Gesamtsystem.(Bild:  istock/Morsa Images)
Eine gute Sequenz entlastet Anlagen ebenso wie Mitarbeitende und reduziert die Wahrscheinlichkeit ungeplanter Eingriffe. Sie stabilisiert das Gesamtsystem.
(Bild: istock/Morsa Images)

In vielen Branchen muss Serienfertigung heute standardisierte Abläufe mit wachsender Variantenvielfalt verbinden. Das Paradebeispiel ist die Automobilindustrie. Unterschiedliche Ausstattungen, individuelle Konfigurationen und kurzfristige Abrufe führen dazu, dass die Produktion im Alltag mit hoher Dynamik umgehen muss. Treffen dabei mehrere aufwändige Varianten unmittelbar aufeinander, entstehen schnell Belastungsspitzen. Besonders kritisch wird das an Stationen, die ohnehin sensibel auf Schwankungen reagieren, etwa in der Lackiererei oder bei Montageabschnitten mit hohem manuellem Aufwand.Auch bei Zulieferern ist die Reihenfolge eine relevante Größe, zumal dort zusätzlich enge Anforderungen aus Just-in-Time- und Just-in-Sequence-Prozessen hinzukommen. Schon kleine Änderungen bei Mengen, Prioritäten oder Abruffolgen können eine zuvor stimmige Planung aus dem Gleichgewicht bringen. Die Konsequenzen reichen von höherem Rüstaufwand über Störungen im Materialfluss bis hin zu Problemen bei der Auslastung einzelner Kapazitäten.  

Was eine tragfähige Sequenz leisten muss

Sequencing zielt nicht darauf ab, eine theoretisch perfekte Reihenfolge zu berechnen, sondern unter realen Bedingungen die robusteste und wirtschaftlich sinnvollste Abfolge zu finden.(Bild:  istock/Rommel Gonzalez)
Sequencing zielt nicht darauf ab, eine theoretisch perfekte Reihenfolge zu berechnen, sondern unter realen Bedingungen die robusteste und wirtschaftlich sinnvollste Abfolge zu finden.
(Bild: istock/Rommel Gonzalez)

In dynamischen Produktionsumgebungen wird eine tragfähige Sequenz damit zu einer zentralen Steuerungsgröße. Dabei muss sie mehrere Anforderungen gleichzeitig erfüllen. Sie soll Termine absichern, die Auslastung entlang der Linie möglichst gleichmäßig halten und gleichzeitig Bestände sowie Rüstvorgänge begrenzen. Darüber hinaus darf die Reihenfolge arbeitsintensive Varianten nicht ungünstig bündeln. Eine gute Sequenz entlastet damit zugleich Anlagen und Mitarbeitende und reduziert die Wahrscheinlichkeit ungeplanter Eingriffe in den Ablauf. Sie stabilisiert das Gesamtsystem.

Damit das gelingt, braucht Reihenfolgeplanung einen klaren Rahmen. Dazu gehören zum einen Regeln, die Unternehmen selbst festlegen – etwa zu Mengen, Abständen oder der Verteilung bestimmter Varianten. Zum anderen fließen Bedingungen ein, die sich aus Materialverfügbarkeit, JIT-/JIS-Vorgaben oder qualitätsrelevanten Anforderungen ergeben und im System berücksichtigt werden. Erst aus diesem Zusammenspiel entsteht eine tragfähige Auftragsfolge.

Zielkonflikte bewusst steuern

In der Praxis lassen sich diese Ziele aber nicht einfach gleichzeitig maximieren. Wer einen Auftrag vorzieht, um einen Liefertermin zu sichern, erhöht unter Umständen den Rüstaufwand. Wer Lasten besonders stark glätten will, begrenzt eventuell die kurzfristig erreichbare Ausbringung. Sequencing bedeutet daher immer, Zielkonflikte bewusst zu steuern. Es geht nicht darum, eine theoretisch perfekte Reihenfolge zu berechnen, sondern unter realen Bedingungen die robusteste und wirtschaftlich sinnvollste Abfolge zu finden.Mit wachsender Variantenvielfalt und steigender Änderungsdynamik wird es für rein manuelle Planung und klassische Planungstools immer schwieriger, die Vielzahl an Abhängigkeiten verlässlich abzubilden. Erfahrung aus der Produktionssteuerung bleibt zwar unverzichtbar, reicht aber nicht mehr aus, um diese Abhängigkeiten allein verlässlich einzuordnen. Notwendig ist eine integrierte Sicht auf Aufträge, Variantenmerkmale, Restriktionen, Kapazitäten und Rückmeldungen aus der Fertigung. Genau deshalb entwickelt sich Sequencing zunehmend zu einer eigenständigen Disziplin innerhalb der Produktionssteuerung. Im MES-Kontext lässt sich diese Logik systematisch abbilden und mit Daten aus ERP und Shopfloor verknüpfen.

Kontinuierliche Anpassungen  

Im Umfeld von PSIpenta/ERP und MES basiert die Reihenfolgeplanung zudem auf einem mehrstufigen Vorgehen. Ausgangspunkt ist ein konsolidierter Pool aus freigegebenen Aufträgen, Abrufen, Prioritäten und relevanten Merkmalen. Daraus wird zunächst ein tragfähiger Auftragsmix entwickelt, der Restriktionen beachtet und Belastungen möglichst ausgleicht. Erst darauf aufbauend entsteht die konkrete Tagesfolge für einzelne Linien oder Segmente. Ein Aufbau in dieser Form ist wichtig, weil er nicht vorschnell einzelne Aufträge priorisiert, sondern die Gesamtwirkung auf das System im Blick behält.

Hinzu kommt, dass Sequencing kein einmaliger Planungsschritt ist. Neue Abrufe, Rückmeldungen aus der Produktion oder veränderte Kapazitäten können die Ausgangslage jederzeit verschieben. Deshalb muss die Reihenfolgeplanung als fortlaufender Prozess verstanden werden. Gute Systeme unterstützen dabei, Zielgrößen neu zu gewichten und die Reihenfolge innerhalb definierter Leitplanken anzupassen, ohne den gesamten Ablauf aus dem Takt zu bringen.  

Wichtig ist dabei die Transparenz über den Auftragsmix. Planungsverantwortliche müssen erkennen können, an welchen Stellen sich Belastungsspitzen aufbauen, welche Variantenfolgen kritisch sind und wie sich unterschiedliche Sequenzen auf Termine, Regelkonformität und Auslastung auswirken. Erst durch diese Sichtbarkeit wird aus Planung eine fundierte Entscheidung.  Optimierungsverfahren und künstliche Intelligenz können diese Abwägungen wirksam vertiefen. Sie helfen dabei, viele Einflussgrößen gleichzeitig zu berücksichtigen, harte Restriktionen zuverlässig zu prüfen und unterschiedliche Alternativen nachvollziehbar zu bewerten. Ihr Nutzen liegt nicht darin, menschliche Entscheidungen zu ersetzen. Vielmehr schaffen sie eine belastbare Grundlage, indem sie Wechselwirkungen sichtbar machen und die Folgen verschiedener Sequenzen vergleichbar aufbereiten.

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Sequencing als strategisches Steuerungsinstrument

Damit wird deutlich: Sequencing ist weit mehr als operative Feinjustierung. Es reduziert Störungen, verbessert die Planbarkeit und erhöht die Reaktionsfähigkeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Gerade unter dynamischen Bedingungen entwickelt es sich zu einem strategischen Steuerungsinstrument für mehr Stabilität und Leistungsfähigkeit.

Elena Günzler 
Produktmanagerin MES bei PSI Software SE, Business Unit Discrete Manufacturing.

Bildquelle: PSI Software