Sicherheit der vernetzten Fertigung So verschmelzen physische und Cyber‑Sicherheit

Ein Gastbeitrag von Andreas Flemming 4 min Lesedauer

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Vernetzte Fertigung verlangt neues Verständnis von Sicherheit: IT und Physical Security verschmelzen. Governance, Segmentierung, Patch‑Management, KI & Weiterbildung erhöhen Resilienz und Effizienz.

Integration von Video, Zutritt und Produktionsdaten: So schaffen Unternehmen eine ganzheitliche Sicherheit für die vernetzte Fertigung.(Bild:  © stock.adobe.com)
Integration von Video, Zutritt und Produktionsdaten: So schaffen Unternehmen eine ganzheitliche Sicherheit für die vernetzte Fertigung.
(Bild: © stock.adobe.com)

Schon immer erforderten Produktionsstätten robuste physische Sicherheitsmaßnahmen wie Perimeterschutz, Zutrittskontrollen für besonders sensible Bereiche sowie Videoüberwachung auf weitläufigen Geländen. In der Fertigung kommen heute zunehmend Technologien der Industrie 4.0 zum Einsatz. Diese Netzwerke aus Sensoren, vernetzten Maschinen und cloudbasierten Analysen sind immer stärker mit der Betriebstechnik und somit auch den Systemen für physische Sicherheit verflochten. Der Report zur Lage der physischen Sicherheit 2026, der auf den Antworten von mehr als 7.000 Sicherheitsexperten weltweit basiert, erfasst diese Konvergenz und ihre Auswirkungen auf die Fertigungsabläufe.

Physische Sicherheit ist untrennbar mit Betriebstechnologie und IT-Infrastruktur verknüpft. Erfolg erfordert eine einheitliche Governance in allen drei Bereichen.

Neue Projekte für IT-Sicherheit 

Die Ergebnisse zeigen, dass das Bewusstsein dafür gewachsen ist, vernetzte Sicherheitssysteme ebenso gut zu schützen wie jede andere vernetzte Infrastruktur: Rund 34 Prozent der Endnutzer physischer Sicherheitslösungen implementieren Cybersicherheits-Technologien in ihren Sicherheitsumgebungen, noch im Vorjahr waren es 32 Prozent. 37 Prozent planen neue Projekte für IT-Sicherheit im Jahr 2026, 24 Prozent gaben das im letzten Jahr an.

 Unter den großen Unternehmen mit 10.000 oder mehr Mitarbeitern gaben 48 Prozent der Befragten an, dass die Zahl der Vorfälle im Bereich der physischen Sicherheit oder der Cybersicherheit im Jahr 2025 zugenommen hat. Die Reaktion darauf muss umfassend sein. Sichere Konfigurationen, Patch-Management, Identitätssicherung, Netzwerksegmentierung und eine vereinheitlichte Reaktion auf Vorfälle sind heute für physische Sicherheitssysteme unerlässlich.

 Die Umfrage zeigt, dass 47 Prozent der befragten IT-Fachleute Maßnahmen zur Stärkung der Cybersicherheit die größte Bedeutung beimessen, bei den physischen Sicherheitsteams sind es hingegen nur 27 Prozent. Diese Kluft unterstreicht, wie wichtig es ist, dass beide Abteilungen enger zusammenarbeiten. Dazu zählt, ihre Umgebungen gemeinsam zu verwalten, Patch-Zyklen zu teilen, Segmentierungsmuster zu vereinbaren und sich zum Schwachstellenmanagement abzustimmen. So entsteht ein ganzheitliches Risikoprofil anstelle paralleler Verwaltungsstrukturen, die Lücken für Angreifer offenlassen.

Industrie 4.0 bietet Ansätze für mehr Sicherheit

Ein positives Signal ist, dass die abteilungsübergreifende Zusammenarbeit insgesamt zunimmt. Laut Report arbeiteten elf Prozent der Endnutzer im Jahr 2025 mit anderen Abteilungen an Initiativen im Bereich Industrial IoT, während 24 Prozent abteilungsübergreifend an übergeordneten Geschäftszielen mitwirkten. Dieses interdisziplinäre Arbeiten stärkt mit der richtigen Plattform auch die Sicherheit: Sicherheitssysteme unterstützen die Produktionsüberwachung, Qualitätskontrolle und Compliance. Zudem nutzen sie Daten aus Fertigungssystemen, um Sicherheitsereignisse besser einzuordnen.

Zutrittsdaten lassen sich mit Produktionsplänen kombinieren, um Anomalien zu erkennen. Dazu zählen etwa Zutrittsversuche in gesperrten Bereichen während einer außerplanmäßigen Schicht oder Bewegungsmuster, die nicht dem normalen Produktionsablauf entsprechen. Ein strukturiertes Beweismittelmanagement und der digitale Austausch zu Vorfällen beschleunigen Untersuchungen, sobald es zu einem Vorfall kommt. Die Echtzeit-Lageerkennung durch Drohnen und Robotik kann sowohl Sicherheitspatrouillen als auch Betriebsinspektionen unterstützen.

Hybrid-Cloud unterstützt verteilte Abläufe

Fertigungsunternehmen sind oft an mehreren Standorten tätig, manchmal sogar auf mehreren Kontinenten. Die Umfrage zeigt, dass die Bereitstellung via Hybrid-Cloud zunehmend zum bevorzugten Modell wird. 72 Prozent der Planer für Sicherheitslösungen sehen in den nächsten fünf Jahren hybride Bereitstellungen vor. Bei diesem Ansatz bleibt die bandbreitenintensive Videospeicherung vor Ort, während Cloud-Dienste für Analysen, zentrale Verwaltung und Ferndiagnosen eingesetzt werden.

<p>Man sieht: Zwei Personen stehen im Vordergrund einer Industrieanlage; eine trägt eine weiße Schutzhelm und eine gelb‑orange Warnweste, die andere einen orangefarbenen Schutzhelm und Arbeitskleidung. Gemeinsam betrachten sie ein Tablet und technische Pläne, eine handgehaltene Seite wird von einer Person mit Handschuh gehalten. Im unscharfen Hintergrund sind Türme, Rohrleitungen und Tanks einer Raffinerie/Industrieräumlichkeit sichtbar, davor Gras und ein bewölkter Himmel.<p>
Gemeinsame Lagebeurteilung: Tablet und Pläne verbinden Betriebsablauf, Zutritt und Sicherheitschecks.
(Bild: © stock.adobe.com)

Wie der Report zeigt, hat Resilienz oberste Priorität. Die Umfrageteilnehmer betonen, wie wichtig es ist, Systeme in Sicherheitszonen zu unterteilen, damit kritische Funktionen auch bei Cloud-Ausfällen funktionsfähig bleiben. Für Hersteller bedeutet dies, Architekturen zu entwickeln, die die lokale Kontrolle über produktionskritische Sicherheitssysteme aufrechterhalten und gleichzeitig die Vorteile von cloudbasierter Intelligenz und Fernsupport nutzen.

Besonders bei der Zutrittskontrolle bietet die Cloud Vorteile. Elf Prozent der Endnutzer setzen eine vollständig cloudbasierte Zutrittskontrolle ein, 27 Prozent hybride Systeme. Fortschrittliche Anbieter bündeln darauf basierend die Verwaltung von Zutrittsdaten für ihre Aktivitäten weltweit und behalten gleichzeitig die lokale Authentifizierung für zeitkritische Zutrittsentscheidungen bei.

<p>Man sieht: Andreas Flemming, Area Sales Director DACH bei Genetec Deutschland.<p>
Für Autor Andreas Flemming geht es beim Thema Sicherheit längst nicht mehr nur um den Schutz von Vermögenswerten, sondern darum, die vernetzte Fertigung sicher, effizient und ausfallsicher zu gestalten.
(Bild: Genetec)

Bewältigung wirtschaftlicher und personeller Herausforderungen

Die Budgets blieben 2025 stabil. Dennoch geben 48 Prozent der Endnutzer an, dass die Ausgaben gestiegen oder auf gleichem Niveau geblieben sind. Die Hersteller stehen vor besonderen Herausforderungen. Sie nennen Unterbrechungen der Lieferkette, insbesondere im Nahen Osten, in Afrika und im asiatisch-pazifischen Raum, als Themen, die sie beschäftigen. Zölle, Inflation und Komponentenengpässe können Sicherheitsprojekte verzögern und die verfügbaren Ressourcen belasten.

Auch der Fachkräftemangel bleibt ein Problem. Die Gewinnung und Bindung qualifizierter technischer Fachkräfte ist flächendeckend schwierig, gleichzeitig verlängern sich die Ausbildungszyklen, da die Systeme immer komplexer werden. Die Umfrage zeigt, dass vor allem in Qualifikationen investiert werden muss: in strukturierte Schulungen und die Vermittlung von Querschnittskompetenzen, in Recruiting von Talenten mit IT-Optimierungskenntnissen sowie in den Einsatz von KI zur Automatisierung von Routineprozessen.

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<p>Man sieht: Eine Person in blauer Arbeitskleidung, weißem Schutzhelm, Schutzbrille und Handschuhen steht in einer Halle und hält einen aufgeklappten Laptop. Im unscharfen Hintergrund sind Tanks, Rohrleitungen und Industrieanlagen zu sehen; im Vordergrund links ein großer blauer Behälter. Die Szene vermittelt Arbeit an digitalen Produktionsdaten in einer Fertigungsumgebung.<p>
Onsite‑Monitoring verbindet OT‑Einblicke mit physischer Sicherheit – wichtig für eine ganzheitliche Verteidigung vernetzter Fabriken.
(Bild: © stock.adobe.com)

KI zielt auf betriebliche Effizienz ab

KI rangiert neben Zutrittskontrolle und Videoüberwachung aus Sicht der Umfrageteilnehmer ganz oben auf der Agenda für 2026. Hersteller sehen praktische Anwendungsmöglichkeiten in der Erkennung von Anomalien, der Unterstützung von Ermittlungen und der Entlastung von Sicherheitspersonal. KI ist da am wirkungsvollsten, wo der manuelle Aufwand am höchsten ist: Bei der Videosuche, Mustererkennung und automatisierten Beweis-Workflows. Hier entstehen messbare Effizienzsteigerungen.
 
Bei der Umsetzung gibt es trotzdem immer noch Bedenken. Rund 70 Prozent der Endnutzer sorgen sich um die hinter KI stehenden Konzepte und um die Art und Weise der Datennutzung. Hersteller sollten von Anbietern Transparenz verlangen, auf nachvollziehbare Ergebnisse bestehen und Erfolgskennzahlen festlegen, bevor sie KI-gesteuerte Funktionen einsetzen.

Andreas Flemming ist Area Sales Director DACH bei Genetec Deutschland.