Dr.-Ing. Mario Pothen, Stefan Issing und Vignesh Subramanian
Fragen an die Experten:
1. Wo sehen Sie heute den größten praktischen Mehrwert von KI im Produktionsalltag?
2. Wie gelingt der Einsatz von KI in der Fertigung?
3. Was sind aktuell die größten Hürden für den Einsatz von KI in der Industrie?
Dr.-Ing. Mario Pothen, Fraunhofer-Institut für Produktionstechnologie IPT
Dr.-Ing. Mario Pothen ist Platform Manager "International Center for Networked Adaptive Production" am Fraunhofer-Institut für Produktionstechnologie IPT.
(Bild: Fraunhofer-Institut für Produktionstechnologie IPT)
1. Der größte praktische Mehrwert von KI liegt heute nicht in vollautonomen „Dark Factories“, sondern in der effizienten Optimierung konkreter Produktionsprozesse anhand einer geeigneten Datenbasis. Besonders erfolgreich sind Anwendungen in der Qualitätskontrolle, der Prozessoptimierung und der vorausschauenden Instandhaltung. In unserem Industrienetzwerk haben wir beispielsweise KI-gestützte Bildverarbeitung bereits sehr erfolgreich dazu eingesetzt, Werkzeugverschleiß zu erkennen oder Produktionsfehler aufzudecken.
2. Erfolgreiche KI-Projekte beginnen selten mit der KI selbst. Zunächst muss sichergestellt sein, dass die benötigten Daten verfügbar, verlässlich und zugänglich sind. In unserer Zusammenarbeit mit der Industrie setzen wir deshalb viel früher an: bei der Datenaufnahme und Datenübertragung, weiter über die Speicherung und Analyse bis hin zur Nutzung der Daten in KI-Systemen. Wichtig ist jedoch als erstes die Entscheidung, ob Digitalisierung und KI deutlich erkennbaren Mehrwert im Produktionsprozess schaffen.
3. Die größten Herausforderungen liegen aus unserer Sicht weniger in den Algorithmen selbst, sondern eher in den Rahmenbedingungen der Anwendung. Typische Hürden sind eine unzureichende Datenqualität oder fehlende Datenverfügbarkeit und die hohe Heterogenität bestehender Produktionslandschaften. Weiter geht es oft mit dem Mangel an KI- und Digitalisierungskompetenzen im Unternehmen und damit verbunden auch einer Unsicherheit bezüglich Wirtschaftlichkeit und Return on Investment. Dies und auch die hohen Anforderungen an IT-Sicherheit, Datenschutz und Governance führen häufig dazu, dass KI-Projekte nicht über Pilotphasen hinauskommen oder ganz scheitern.
Erfolgreiche KI-Projekte beginnen selten mit der KI selbst. Zunächst muss sichergestellt sein, dass die benötigten Daten verfügbar, verlässlich und zugänglich sind.
Dr.-Ing. Mario Pothen
Stefan Issing, IFS
Stefan Issing ist Senior Presales Director South & Central Europe bei IFS.
(Bild: IFS)
1. Der größte Mehrwert entsteht heute weniger durch spektakuläre Leuchtturmprojekte als durch KI, die tief in bestehende Geschäftsprozesse eingebettet ist. Zu den Anwendungen mit dem größten messbaren Nutzen zählen dabei die vorausschauende Wartung, die Produktionsfeinplanung, die Qualitätssicherung und die Optimierung von Beständen und Lieferketten. Darüber hinaus senkt generative KI als Co-Worker für Werker, Servicetechniker und Planer die Einarbeitungszeit und macht Expertenwissen verfügbar – ein wichtiger Vorteil angesichts des Fachkräftemangels.
2. Der Erfolg hängt von Daten, Prozessen und Akzeptanz ab. Unternehmen sollten von einem konkreten Business-Problem ausgehen, auf eine solide Datenbasis setzen und KI in bestehende ERP-, MES- und Produktionssysteme integrieren. Wer mit einem klar umrissenen Pilotprojekt startet, den Nutzen nachweist und anschließend skaliert, schafft die Grundlage für nachhaltigen Erfolg. Gleichzeitig braucht es von Anfang an klare Verantwortlichkeiten und transparente Governance-Strukturen.
3. Die größte Hürde ist oft die Ausgangssituation. Fehlende Datenqualität, historisch gewachsene IT- und OT-Landschaften sowie ein Mangel an KI-Kompetenzen erschweren die Einführung. Hinzu kommt die Herausforderung, erfolgreiche Pilotprojekte in den Regelbetrieb zu überführen sowie steigende Anforderungen an Transparenz, Compliance und Cybersecurity. Entscheidend ist letztlich KI dauerhaft, wirtschaftlich und sicher in den Produktionsalltag zu integrieren.
Der größte Mehrwert entsteht heute weniger durch spektakuläre Leuchtturmprojekte als durch KI, die tief in bestehende Geschäftsprozesse eingebettet ist.
Stefan Issing
Vignesh Subramanian, Infor
Vignesh Subramanian ist Senior Vice President für Produktmanagement, KI, Daten und Analytik bei Infor.
(Bild: Infor)
1. Der Nutzen von KI hängt davon ab, wie stark menschliches Eingreifen nötig ist. Vollständig autonom arbeitet KI bei risikoarmen Routineaufgaben: Rechnungsabgleich, Stammdatenpflege, Nachfrageprognosen, Nachbestellungen oder einfachen Supportanfragen. Fehler lassen sich schnell korrigieren, der Mensch bleibt außen vor. Auch bei Compliance-Überwachung und Warnmeldungen zeigt KI ihre Stärke. Bei halbautonomen Prozessen übernimmt die KI die Analyse und Vorbereitung, der Mensch entscheidet final. Typische Szenarien sind Investitionsempfehlungen, Vertragsverlängerungen oder Produktionsneuplanungen. Die KI erledigt 90 Prozent der Arbeit und erstellt Entscheidungsvorschläge – die Verantwortung bleibt beim Menschen. Bei komplexen Verhandlungen, risikoreichen Entscheidungen oder personalrelevanten Themen agiert KI nur als Copilot: Sie liefert Informationen und weist auf Risiken hin, die Entscheidung trifft der Mensch.
Stand: 16.12.2025
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3. Das größte Hindernis bleibt fehlendes Vertrauen. Geschäftskritische Anwendungen erfordern eine Zuverlässigkeit, die noch nicht überall gegeben ist. Gesamtbetriebskosten sind schwer kalkulierbar, geeignete Anwendungsfälle schwer zu identifizieren, Prozessdokumentation oft lückenhaft. Auf personeller Ebene fehlt vielerorts eine „KI-first“-Denkweise, und qualifizierte Fachkräfte sind knapp.
Die KI erledigt 90 Prozent der Arbeit und erstellt Entscheidungsvorschläge – die Verantwortung bleibt beim Menschen.