Industrieunternehmen und Fabriken befinden sich in einer Zeit des stetigen Wandels. Sie müssen sich noch stärker als andere Konzerne Herausforderungen wie dem Fachkräftemangel und zunehmend komplexeren Produktionsprozessen stellen und benötigen mehr denn je eine größere Widerstandsfähigkeit ihrer Produktion. Mitarbeitergeführten Prozessen kommt dabei eine Schlüsselrolle zu. – Ein Gastbeitrag von Benjamin Brockmann, Co-Founder und CEO von Operations1.
(Quelle: Operations1)
Die Mitarbeiter sind in der Produktion unersetzlich und wichtiger als jemals zuvor – gerade in der Ära der zunehmenden Digitalisierung! Ich behaupte, dass Mitarbeiter ohne eine entsprechende digitale Unterstützung kaum die benötigte Widerstandsfähigkeit und Flexibilität erreichen beziehungsweise erlernen können. Es finden sich heute immer noch viele komplett papierbasierte Produktionsprozesse. Doch die Konsequenz von Papierdokumentation ist eine geringe Transparenz (in den Abläufen) und das Errichten enormer Einstiegs- oder Umsetzungshürden für die Mitarbeiter: Denn gerade jüngere, noch unerfahrene oder anderssprachige Mitarbeiter benötigen einfache und intuitive Unterstützungen ihrer Arbeitsweisen und eingängige Handreichungen. Es braucht neue Mittel und Wege, die dabei helfen, sich auf die wichtigen Aufgaben konzentrieren zu können, wie zum Beispiel die Prüfung und Abnahme oder Reparatur einer Maschine in der Instandhaltung. Auch die Suche nach Informationen, die manuelle Dokumentation von Prozessen oder das Kopieren von Daten kosten zu viel Zeit, langweilen oder nerven die meisten Mitarbeiter, was zu einer hohen Unzufriedenheit im Job führen kann. Unterstützt man jedoch Mitarbeiter bei der effizienten und sicheren Durchführung von operativen Prozessen und kümmert sich um nachhaltige Problemlösungen, trägt man damit gleichzeitig auch Sorge für zufriedenere, erfülltere Mitarbeiter.
Digitale Teilhabe – aber für Wissensarbeiter und die Operativen
Die Mission muss es sein, alle Mitarbeiter auf dem Campus zu stärken, die operative Exzellenz von Unternehmen zu steigern und die Zukunftsfähigkeit der Produktion zu sichern. Diskutiert man Nachhaltigkeit, geht es heute längst nicht mehr nur um kurzfristige Herausforderungen wie Rohstoffengpässe oder Lieferkettenprobleme, sondern um mitarbeiterzentrierte Digitalisierung, sinnvolle Automatisierung und eine Werteorientierung, die die Lebens- und Arbeitswelt für alle Beteiligten nachhaltiger und wertvoller gestaltet. Heute sind glücklicherweise Themen wie die Defossilisierung von Fabriksystemen, CO2-neutrale Produktion oder Zirkularwirtschaft längst auf der Tagesagenda nachhaltig agierender Industrien. Im Fokus nachhaltigen Denkens und Handels steht auch der intensive Austausch mit Führungskräften der innovativsten Fabriken des Landes. Der immer bedrohlicher anwachsende Fachkräftemangel macht uns klar, wie wichtig es ist, in Weiterbildung und Work Experience zu investieren, gleichzeitig muss ein Zusammengehörigkeitsgefühl geschaffen werden, das Mitarbeiter nachhaltig motiviert und hält. Gemeinsam erfolgreich zu sein, kann ein Schlüsselelement hierfür sein.
Produktionsprozesse – mit Bedacht statt Big Bang
Große Disruptionen haben vielleicht in anderen Bereichen ihren Platz, bei kontinuierlichen Verbesserungsprozessen empfiehlt es sich jedoch, mit Bedacht und Ausdauer vorzugehen. Die Diskrepanz zwischen der Vernetzung von Maschinen und Menschen liegt auf der Hand. Selbst zehn Jahre nach der Prägung des Begriffs „Industrie 4.0“ arbeiten viele operative Mitarbeiter immer noch mit einer Vielzahl an analogen und komplexen Systemen. Es ist bedauerlicherweise zum schlimmen Standard geworden, dass sich Mitarbeiter in zehn Tools gleichzeitig zurechtfinden müssen: Stift und Papier, Handbücher, implizites Wissen, Drucker, Referenzdokumente, komplexe ERP-Interfaces, manuelle Sensordaten-Übertragungen, separate Digitalkameras, manuelle Datenbankeinträge, entkoppeltes Task Management, physisches Archiv und so weiter. Hier ist es meiner Ansicht nach essenziell, Informationsflüsse zu vereinen und die Mitarbeiter fundiert zu vernetzen. Es bringt nämlich tatsächlich viele unmittelbare betriebswirtschaftliche Vorteile mit sich, Mitarbeiter in eine digitale Organisation einzubinden und ihnen kontextbasierte Informationen bereitzustellen.
Plädoyer für mehr Support für den Shopfloor
Laut einer McKinsey-Studie weisen kollaborative Prozesse immer noch 30 Prozent Effizienzverluste auf. Effizienzverluste, die gerade vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels schmerzlich sein können. Welche Rolle spielt das heute für die großen Herausforderungen produzierender Unternehmen? Durch die kontextbasierte Informationsbereitstellung und Vernetzung der Mitarbeiter steigt die Flexibilität von Unternehmen enorm. Was unsere Kunden zeigen, ist, dass neue Mitarbeiter deutlich schneller produktiv sind, diese flexibler für unterschiedliche Tätigkeiten eingesetzt werden können und Prozesswissen nachhaltig gesichert wird. Die vermeintliche Eliminierung der „typischen Papierdokumentation“ geht also weit über die Effizienzgewinne durch weniger Dokumentenbearbeitung sowie Vermeidung manueller Datentransfers und Wegezeiten hinaus. Die Vernetzung der operativen Mitarbeiter steigert die Resilienz des gesamten Produktionsbetriebs. In meinen Augen gibt es drei strategische Imperative für die Fabrik der Zukunft. Diese liegen in der Sicherung von Wissen, der organisatorischen Flexibilität und dem Schließen von Blindspots.
Die unmittelbar messbaren betriebswirtschaftlichen Vorteile liefern jedoch auch starke Argumente, sich mit dem Thema der vernetzten Arbeit intensiv zu befassen. Bei unseren Kunden messen wir beispielsweise Reduktionen von 60 Prozent im Bereich Maschinenstillstandzeiten, siebenstellige Einsparungen durch Insourcing von Instandhaltungsdienstleistungen, einen Rückgang von Fehlerraten um 55 Prozent und allein Kosteneinsparungen im sechsstelligen Bereich durch Eliminierung der Papierdokumentation. Es lohnt sich also!
Stand: 16.12.2025
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Was ich besonders spannend finde: Trotz großer Innovationsoffensiven der führenden Fabriken Deutschlands besteht häufig noch eine Diskrepanz, wie dynamisch und „mitarbeitergerecht“ die Systeme vor Ort wirklich sind. Zwar ist der Digitalisierungsgrad häufig schon sehr hoch, es ist jedoch ein massiver Unterschied, ob PDFs auf einem vertikalen Touchscreen angezeigt werden und der Mitarbeiter durchscrollt, oder ob eine interaktive, dynamische Lösung im Einsatz ist, über die der Mitarbeiter kommunizieren sowie Informationen rückmelden kann und wo er durch mediale Inhalte wie Videos reichhaltige Informationen bereitgestellt bekommt. Digitalisierung ist nicht gleich Digitalisierung. Es ist essenziell, sich stets neu zu erfinden und nicht aufzuhören, sobald das Papier verschwunden ist.
Mitarbeiterzentrierung ist das A und O
Nachhaltigkeit ist zu Recht eines der wichtigsten Themen der gesamten Wirtschaftswelt geworden. Gleichzeitig ist nicht mehr von der Hand zu weisen, dass auch die Vernetzung und Unterstützung der operativen Mitarbeiter ein großes Tätigkeitsfeld ist und auch bleiben wird. Wichtig ist hier das Credo: Immer pragmatisch Schritt für Schritt vorgehen, die Mitarbeiter mitnehmen, statt sie abzuhängen. Kurz: Jeder Handlungsschritt, jede Entscheidung sollte mitarbeiterzentriert vorgenommen und geteilt werden!
Über den Autor
Benjamin Brockmann ist seit 2017 CEO und Co-Founder bei Operations1. Er studierte von 2014 bis 2016 an der TU München und forschte gemeinsam mit seinen Mitbegründern am Fraunhofer Institut, wo er auch die inhaltliche Grundlage für die Gründung durch seine Masterarbeit über Werkerinformationssysteme bekam. Weitere Erfahrungen sammelte er bei KPMG im Bereich IT & Finance Consulting sowie bei Arthur D. Little im Bereich Strategy, Innovation & Technology.