Die Umstellung auf cloudbasierte ERP-Systeme birgt Herausforderungen wie Datenmigration und KI-Integration. Der Schlüssel zum Erfolg sind standardisierte Prozesse und ein offenes Mindset, wie unsere aktuelle Expertenumfrage ergab.
Was sind die aktuellen Trends im Bereich ERP-Systeme? Wir haben 12 Experten und Expertinnen befragt.
(Bild: Anbieter/WIN-Verlag)
12 ERP-Expertinnen und Experten erklären, wie durchgängige Informationsflüsse zwischen ERP, Arbeitsvorbereitung und Fertigung geschaffen werden und wie KI für mehr Effizienz und Datenqualität sorgen kann.
Fragen an die Experten
1. Welche Herausforderungen ergeben sich bei der Umstellung auf Cloud-basierte ERP-Systeme?
2. Welche Vorteile bietet die Integration von Künstlicher Intelligenz in ERP-Systeme?
3. Wie können Produktionsunternehmen die Durchgängigkeit zwischen ERP, Arbeitsvorbereitung und Fertigung realisieren und was müssen sie dabei beachten?
Markus Fischer, Abat AG
Markus Fischer ist Senior Consultant bei der Abat AG.
(Bild: Abat AG)
1. Ein Wechsel beginnt für viele Unternehmen oft mit einer komplexen Datenmigration, um alte Daten zu bereinigen, zu harmonisieren und zu strukturieren. Auch die Anforderungen an IT-Sicherheit und Datenschutz steigen und machen eine sorgfältige Auswahl des Cloud-Anbieters notwendig. Zusätzlich kann die Integration in bestehende IT-Systeme ein gezieltes Change Management erfordern, denn Mitarbeitende müssen neue Prozesse und Tools akzeptieren. Und schließlich verfolgen cloudbasierte ERP-Systeme einen „Clean-Core-Ansatz“, was Eigenentwicklungen einschränkt.
2. Die Integration von Künstlicher Intelligenz in ERP-Systeme bringt vor allem mehr Automatisierung und eine deutlich bessere Datenqualität. Viele Routineaufgaben lassen sich automatisiert erledigen, wodurch Fehler reduziert und Prozesse transparenter werden. Ein gutes Beispiel ist die Bestandserfassung im Lager: Statt große Mengen an Rohren oder anderen Teilen manuell zu zählen, genügt ein Foto, aufgenommen mit einem mobilen Endgerät. Die KI analysiert das Bild, ermittelt automatisch die Stückzahl und übergibt die Daten direkt an das ERP-System zur Verbuchung.
3. Eine Durchgängigkeit zwischen ERP, Arbeitsvorbereitung und Fertigung entsteht durch konsistenten Informationsfluss. Die Planung erfolgt im ERP-System und wird an Arbeitsvorbereitung und Produktion übergeben. Gleichzeitig fließen Rückmeldungen aus der Fertigung zurück, etwa zu Fortschritt, Materialverbrauch oder Qualität. Wichtig ist dabei eine gemeinsame Datenstruktur mit eindeutigen Identifikatoren, damit Informationen über den gesamten Prozess hinweg miteinander verknüpft und für Auswertungen im Sinne von Industrie 4.0 genutzt werden können.
Die Integration von Künstlicher Intelligenz in ERP-Systeme bringt vor allem mehr Automatisierung und eine deutlich bessere Datenqualität.
Markus Fischer
Jens Schulte, AMS.Solution AG
Jens Schulte ist Prokurist Produktentwicklung bei der AMS.Solution AG.
(Bild: ams.Solution AG)
ERP-Systeme steuern sämtliche Unternehmensprozesse durchgängig und schaffen Transparenz entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Mit Blick auf die Sensibilität der in ihnen verarbeiteten geschäftskritischen Informationen und Kennzahlen stellt sich bei cloudbasierten Architekturen die Frage nach digitaler Souveränität und Datensicherheit – zumal der Faktor „Künstliche Intelligenz“ und die datentechnisch nicht risikolose Nutzung frei zugänglicher Large Language Models (LLM) hinzukommt. AMS.Solution empfiehlt daher weiterhin lokale Installationen, was sowohl für die eigene Geschäftssoftware AMS.ERP als auch für KI gilt. Für deren Nutzung im ERP-Kontext arbeitet AMS.Solution an der Entwicklung und dem Aufbau einer sicheren On-Premises-Plattform. Wichtig ist dabei allerdings die Integrationsfähigkeit: Unser modulares ERP-System schafft mit offenen Standards die Balance zwischen technologischer Eigenständigkeit, Datensicherheit und nahtloser Integration in digitale Ökosysteme.
2. Bei der Integration von KI in unser ERP-System hat sich klar gezeigt, dass die isolierte Betrachtung einzelner, vorab definierter Use Cases zunehmend an Bedeutung verliert. Entscheidend ist vielmehr eine durchgängige KI-Unterstützung über alle Arbeitsbereiche und Geschäftsprozesse hinweg. Der AI-Client von AMS.Solution greift diesen Ansatz auf, indem er die Interaktion von ERP-Anwendern untereinander – etwa über einen integrierten Chat – ebenso unterstützt wie die Kommunikation in natürlicher Sprache mit angebundenen LLMs. Dazu wird dem jeweiligen LLM Kontext bereitgestellt. Mit entsprechenden Werkzeugen können sowohl Informationen aus zuvor zusammengestellten Dokumenten (etwa PDF) in themenspezifischen Bibliotheken als auch strukturierte ERP-Daten situativ ermittelt, kombiniert und für die weitere Verarbeitung nutzbar gemacht werden. Dies erhöht die Effizienz und die Bearbeitungsgeschwindigkeit bei der Arbeit mit dem ERP-System.
3. AMS.ERP ist von vornherein darauf ausgelegt, alle kaufmännischen und technischen Daten zusammenzuführen und für Durchgängigkeit von der Angebotserstellung über den Einkauf, die Arbeitsvorbereitung und die Fertigung bis hin zum After Sales zu sorgen. Die jederzeit aktuelle mitlaufende Kalkulation liefert den Anwendern stets in Echtzeit den Überblick über die Projektkostenentwicklung. Die Funktionalität der wachsenden Stückliste erlaubt zudem fertigungsbegleitende Produktanpassungen, was in der Einzelfertigung eher die Regel als die Ausnahme ist. Wichtig ist die Qualität der verwendeten Stamm- und Artikeldaten.
Stand: 16.12.2025
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Bei der Integration von KI in unser ERP-System hat sich klar gezeigt, dass die isolierte Betrachtung einzelner, vorab definierter Use Cases zunehmend an Bedeutung verliert.
Christian Rothner, BE-terna
Christian Rothner, Industry Lead bei BE-terna.
(Bild: BE-terna)
1. Meiner Erfahrung nach ist eine solche Umstellung kein IT-Upgrade, sondern ein echter Transformationsprozess. Die größte Herausforderung liegt selten in der Technologie, sondern in der Bereitschaft, Prozesse konsequent zu standardisieren. Cloud-Lösungen leben vom Best-Practice-Ansatz. Wer Cloud als Chance zur Prozessmodernisierung nutzt, gewinnt deutlich an Geschwindigkeit und Transparenz. Es ist eine Investition in die Zukunft.
2. Ich sehe KI im ERP nicht als „Add-on“, sondern als nächste Evolutionsstufe. ERP-Systeme entwickeln sich weiter zu proaktiven Entscheidungsplattformen mit Prognosen, Risikoerkennung und Handlungsempfehlungen. Ein Beispiel: Im SCM lassen sich mit KI-gestützter Bedarfsprognose in Microsoft Dynamics 365 historische Daten, Saisonalitäten und externe Einflussfaktoren kombinieren. Das führt zu deutlich präziseren Forecasts – und damit zu geringeren Lagerbeständen, reduzierter Kapitalbindung und höherer Lieferfähigkeit. Durch Copilot-Funktionalitäten erhält der Disponent nicht nur Daten, sondern konkrete Handlungsempfehlungen. Das verändert seine Rolle vom reaktiven Verwalter hin zum strategischen Entscheider.
3. Durchgängigkeit entsteht aus meiner Sicht nicht primär durch Schnittstellen, sondern durch ein klares Zielbild der Systemarchitektur. Entscheidend sind sauber definierte Rollen der jeweiligen Systeme, konsistente Stammdatenmodelle und harmonisierte Abläufe zwischen Arbeitsvorbereitung, Logistik und Produktion. So wird schließlich eine transparente KPI-Steuerung möglich. Ein solches digitales Wertschöpfungsmodell, in dem Planung, Fertigung und kaufmännische Steuerung nahtlos zusammenarbeiten, ist für mich der entscheidende Hebel für Wettbewerbsfähigkeit im heutigen industriellen Umfeld.
Durchgängigkeit entsteht aus meiner Sicht nicht primär durch Schnittstellen, sondern durch ein klares Zielbild der Systemarchitektur.