SAP in der Produktion SAP-Lösungen in der Fertigungsindustrie: Das sagen die Experten

Das Gespräch führte Rainer Trummer 9 min Lesedauer

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SAP deckt mit seinem Produktportfolio sämtliche Teile der Supply Chain ab – inklusive der Produktion als zentralem Bereich für die Wertschöpfung. Der Betrieb in der Cloud erleichtert die Verzahnung der einzelnen Abschnitte, doch gerade im Fertigungsumfeld gestaltet sich der Umzug in die Cloud aufgrund spezieller Anforderungen oder Schnittstellen oft schwierig. Was hier die Herausforderungen für On-Premise-Kunden sind und welche Rolle künstliche Intelligenz heute schon in SAP-Lösungen spielt, erläutern uns sieben SAP-Experten. 

(Bild: Gorodenkoff/AdobeStock)
(Bild: Gorodenkoff/AdobeStock)

Fragen an die Experten:

1. Die S/4HANA-Transformation stellt für viele Kunden in der Ferti­gungsindustrie eine große Herausforderung dar. Wie sehen hier Ihre Erfahrungen aus und welche Tipps sollten Unternehmen bei der S/4HANA-Migration beachten?

2. SAP positioniert seine Cloud-Lösung SAP Digital Manufacturing (DM) als eine Schlüsselkomponente des zukünftigen Lösungsportfolios für die Fertigung. Was müssen bisherige On-Premise-Kunden beim Umstieg auf SAP DM berücksichtigen?

3. Wie lässt sich künstliche Intelligenz in den SAP-Lösungen für die Produktion heute schon nutzen?

Maximierung von Effizienz und Innovation in der Fertigungsindustrie durch SAP S/4HANA und KI-Technologien

(Bild: Consilio)
(Bild: Consilio)

1. Der Umstieg auf S/4HANA ist eine Chance zur Effi­zienz- und Innovationssteigerung. Das erfordert jedoch tiefgreifende Änderungen in der IT-Landschaft und den Geschäftsprozessen. Eine gründliche Analyse der Systeme und Prozesse ist deshalb essenziell und für die detaillierte Planung entscheidend. Consilio verfolgt dabei den Fit-to-Standard-Ansatz von SAP, optimiert aber – wo nötig – die Methodik. Ein Beispiel: SAP Activate ‚Tailored by Consilio‘ basiert auf bewährten Technologien und Vorgehensweisen von SAP, wurde aber durch die langjährige Projekt-Expertise optimiert. Das zeigt, Consilio will Unternehmen fit für die Zukunft machen. Dabei stehen nicht die Module im Zentrum, sondern die Prozesse.

2. Kundengespräche zeigen, dass SaaS-Lösungen wie SAP Digital Manufacturing nicht mehr so kritisch gesehen werden. Die Vorteile der Cloud sprechen für sich: Geringere Betriebskosten statt hoher Investitionskosten, automatische Upgrades mit neuen Features, Entlastung der IT-Abteilung, Mobil­fähigkeit etc. Wie beim Umstieg auf S/4HANA sind auch hier die gründliche Analyse der Systemlandschaft und eine präzise Integrationsstrategie essenziell. Der Fokus sollte hier auf einer modulübergreifenden Prozessintegration von A bis Z in das ERP liegen, da DM nur so das volle Potenzial ausschöpfen kann. Dafür ist ein Partner nötig, der die gesamte Klaviatur der Supply-Chain-Planung beherrscht.

3. Künstliche Intelligenz (KI) ist bereits ein zentraler Bestandteil vieler SAP-Lösungen, etwa Predictive Maintenance, Integrated Business Planning und BTP. So prognostiziert die KI Maschinenausfälle, bevor sie auftreten. In der Qualitätskontrolle identifiziert sie Produktfehler mit hoher Präzision, und in der Supply Chain generiert sie präzise Nachfragevorhersagen. Die Zukunft bleibt also spannend.

SAP-Lösungen: Navigieren durch die Komplexitäten der S/4HANA-Transformation und KI-Integration

(Bild: Piller Blowers & Compressors/DSAG)
(Bild: Piller Blowers & Compressors/DSAG)

1. Neben der eigentlichen S/4HANA-Transformation ist der Wechsel von einem monolithischen ERP wie SAP ECC hin zu einem modularen ERP herausfordernd. Ein Beispiel: Das Modul Variantenkonfiguration war einst im Kern vorhanden und wird nun als Advanced Variant Configurator (AVC) auf der SAP Business Technology Platform (BTP) fortgeführt. Neue Funktionen wie das Solution-Order-Management arbeiten nur noch mit AVC. Das zeigt: Ein Lift & Shift alleine von ECC zu S/4 ist keine langfristige Lösung. Es müssen die gesamten Architekturen überprüft und für die strategische Ausrichtung geplant werden. Hinzu kommt die Entscheidung: Private oder Public Cloud oder doch weiterhin On-Premise. Da die Zeit bis Wartungsende knapper wird, empfiehlt sich: Prioritäten setzen, und den Fokus entweder auf die technische Migration oder den Greenfield-Ansatz legen.

2. Knackpunkt sind unter anderem die Optimierungs- und Entwicklungsmöglichkeiten in den bisherigen SAP MES- On-Premise-Lösungen, die die Kunden über die Jahre genutzt haben. Somit ist beim Umstieg kein einfaches Lift & Shift möglich. Vielmehr müssen Kunden genau prüfen, wie bestehende Abläufe in die neue Lösung passen. Dabei ist es wichtig zwischen SAP ME und SAP MII unterscheiden. Im Gegensatz zum Standardsystem ME ist MII eine ‚Toolbox‘, das heißt, Kunden, die mit MII Anpassungen vorgenommen haben, brauchen unter Umständen weitere SAP-Komponenten, um ihre individuellen Entwicklungen künftig mit Standardsoftware abdecken zu können.

3. Durch den KI-Hype wurde zuletzt viel Marketing betrieben. So ist es für Anwender undurchsichtig, welche Szenarien wirklich neu sind und welche längst Teil von SAP-Lösungen sind, aber als Machine Learning vermarktet werden. Inzwischen lichtet sich der Wald. Beispiele dafür sind Intelligent Insights, AI/GenAI-basierte Informationen oder Systeminteraktion über Chatbots und Sprache. Piller Blowers & Compressors/DSAG

SAP-Lösungen: Optimierung und Innovation

(Bild: IGZ)
(Bild: IGZ)

1. Die S/4HANA-Transformation bietet die Chance, die über die Jahre gewachsenen Strukturen und Z-Entwicklungen im ECC zu bereinigen und eine saubere, neue Systemverteilung aufzusetzen. Weiterhin lassen sich die Weichen in Richtung einer modernen, zukunftsweisenden cloudbasierten Systemarchitektur stellen.

2. Wichtig ist aus meiner Sicht eine strukturierte Vorbereitung des Umstiegs auf SAP DM. Hier empfiehlt IGZ eine Transformationsanalyse, bei der die Prozessanforderungen mit den SAP-DM-Standardfunktionen gemappt werden, um – auch unter Berücksichtigung der SAP DM Roadmap – das effektivste Einführungskonzept zu erarbeiten. Meistens empfiehlt sich ein hybrider Ansatz, das heißt der Beginn mit einem Pilotbereich und einem sukzessiven Roll-out auf weitere Bereiche und Standorte.

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3. Die Basis für künstliche Intelligenz sind Daten. SAP DM bietet hier die ideale Plattform für die Fertigung, um die erforderlichen Daten aufzunehmen und über geeignete SAP-Module wie SAC oder Datasphere weiterzuverarbeiten beziehungsweise auszuwerten. Dadurch werden Optimierungspotenziale sichtbar, die zum Beispiel im Bereich der Planung oder Predictive Maintenance mit dem Einsatz von künstlicher Intelligenz gehoben werden können.

Im Bereich Visual Inspection kommt KI bereits erfolgreich zum Einsatz. IGZ bietet beispielsweise ein in SAP DM vollintegriertes Werkerassistenz-System IDA3 mit der Assembly-by-Motion-Technologie mit KI-basierter Bild-, Objekt-, Farb-, Muster- und Text­erkennung an. Damit lassen sich die Montagesicherheit und -effizienz erheblich steigern und eine hohe Produktqualität erzielen.

Strategische Vorbereitung und schrittweise Umsetzung der S/4HANA-Migration mit KI-Integration

(Bild: MHP)
(Bild: MHP)

1. Basierend auf unseren Erfahrungen in Hinblick auf die Migration zu SAP S/4HANA ist eine frühzeitige und gründliche Vorbereitung entscheidend. Unternehmen sollten ihre Geschäftsprozesse genau analysieren und bewerten, welche standardisierten Funktionen von S/4HANA übernommen werden können. Die Datenmigration ist ein essenzieller Punkt, da die Qualität der Daten für den Erfolg der Migration entscheidend ist.

Zudem ist es wichtig, die Fachbereiche von Anfang an einzubinden, um sicherzustellen, dass die spezifischen Anforderungen der Produktion berücksichtigt werden. Ein effektives Change-Management und umfassende Schulungen sind notwendig, um die Akzeptanz bei den Mitarbeitenden zu fördern. Schließlich sollten Unternehmen branchenspezifische Best Practices und vorkonfigurierte Vorlagen nutzen, um den Implementierungsaufwand zu minimieren.

2. Jedes Unternehmen braucht eine detaillierte, individuelle Analyse seiner Prozesse und Systemlandschaft sowie ein ausführliches Assessment, auf dem eine individuelle Transformations-Roadmap basiert. Wir empfehlen unseren Kunden eine schrittweise Transformation. So haben Unternehmen vor dem vollständigen Wechsel auf SAP DM die Möglichkeit, erste Erfahrungswerte zu sammeln. Zudem lassen sich damit potenzielle Herausforderungen und Risiken frühzeitig erkennen und lösen, was zu einer reibungsloseren und effektiveren Migration führt.

3. SAP verfolgt das Ziel, künstliche Intelligenz in alle SAP-Lösungen zu integrieren. In SAP DM besteht heute schon die Möglichkeit, den Werker über die Funktion ‚Visual Inspection‘ durch trainierte Modelle mit einer automatischen Fehlererkennung von Produkten zu unterstützen. Der KI-Assistent Joule wird zukünftig eine zentrale Rolle im Lösungsportfolio von SAP einnehmen. MHP

SAP-Lösungen: Integration von KI in SAP Digital Manufacturing

(Bild: NTT Data Business Solutions)
(Bild: NTT Data Business Solutions)

1. Die Umstellung auf S/4HANA ist ein komplexes Unterfangen und erfordert eine sorgfältige Planung und Durchführung. Erfolgreiche Unternehmen haben frühzeitig ein starkes Change-Management umgesetzt, um die Akzeptanz des neuen Systems zu gewährleisten. Eine sorgfältige Bereinigung der Altdaten kann Mehraufwendungen im neuen System signifikant reduzieren. Darüber hinaus erhöhen umfassende Schulungen die Benutzerakzeptanz und erleichtern den Übergang.

2. Beim Umstieg auf SAP Digital Manufacturing sollten On-Premise-Kunden eine schrittweise Transformation in Betracht ziehen, um Geschäftsprozesse vor der Migration zu analysieren und Optimierungspotenzial zu evaluieren. Eine sorgfältige Transformationsanalyse durch eine Fit-Gap-Analyse schafft eine fundierte Entscheidungsgrundlage für den Wechsel. Die Cloud-Lösung SAP Digital Manufacturing bietet Vorteile wie Flexibilität durch Low-Code/No-Code-Optionen, globale Skalierbarkeit ohne eigene Server-Wartung und Echtzeit-Transparenz für effiziente und gegebenenfalls KI-gestützte Produktionsentscheidungen.

3. Künstliche Intelligenz ist ein integraler Bestandteil der SAP-Lösungen für die Produktion mit vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten. In der digitalen Fertigung nutzt die künstliche ­Intelligenz trainierte Modelle, um mittels Kameraaufnahmen eine unterstützte Qualitätskontrolle zu ermöglichen. Dieser Prozess verbessert die Qualitätssicherung, indem eine KI automatisiert und in Echtzeit Entscheidungen aufgrund der Kameraaufnahme trifft. Diese Technologie fördert die Qualitätssicherung, was zu einer Steigerung der Gesamteffizienz führt. NTT Data Business Solutions

Optimierung der Produktionsprozesse durch schrittweise SAP-Transformation und KI-Einsatz

(Bild: SWAN)
(Bild: SWAN)

1. Gerade bei Produktionsunternehmen im 24/7-Betrieb sind kurze Ausfallzeiten und die konstante Versorgung der Produktionslinien essenziell. Daher sollten bestimmte Transformationsprozesse nur während Zeiten mit geringer Auslastung erfolgen, um die damit verbundenen Kosten so gering wie möglich zu halten. Wir arbeiten mit unseren Kunden eng zusammen, um den optimalen Zeitraum für die Inbetriebnahme zu finden. Vorab setzen wir auf Emulationen, um Optimierungen bereits vor dem Live-Betrieb vorzunehmen. Je mehr Prozesse und Systeme modernisiert werden, desto mehr Absprachen und Tests sind erforderlich. Und umso wichtiger ist es, alle Verantwortlichen und Mitarbeitenden einzubeziehen.

2. Unternehmen müssen für die SAP-DM-Einführung nicht zwingend bereits eine S/4-Transformation durchgeführt haben. Das Cloud-Modul lässt sich auch nutzen, wenn die übrigen SAP-Anwendungen noch On-Premise laufen. Möglich macht das der SAP Cloud Connector. Dieses Vorgehen und der damit verbundene Mehraufwand einer späteren Transformation kann sich für Unternehmen lohnen, die bereits heute von den Cloud-Vorteilen von SAP DM profitieren wollen, die S/4-Transformation jedoch erst für einen späteren Zeitpunkt geplant haben. SAP DM spielt dann seine Vorteile besonders in Kombination mit weiteren S/4-Anwendungen aus.

3. Von künstlicher Intelligenz profitieren SAP-Kunden hauptsächlich in der SAP-Cloud. Für On-Premise-Kunden in der Fertigung kann sich eine Investition in SAP DM lohnen, da die cloudbasierte Lösung KI-Funktionalitäten bietet, auch ohne vollständige S/4-Transformation. Darunter fällt zum Beispiel die Echtzeit-Auswertung von Maschinendaten oder die SAP Analytics Cloud. Dies erlaubt ein verbessertes Qualitäts­management, da Algorithmen Anomalien bereits während des Produktions­prozesses auswerten und Produktionsprozesse entsprechend anpassen können. SWAN

Strategien für eine erfolgreiche S/4HANA-Migration in SAP-Lösungen

(Bild: Trebing + Himstedt)
(Bild: Trebing + Himstedt)

1. Die S/4HANA-Migration bietet Unternehmen die Chance, ihre Wertschöpfungskette ganzheitlich zu betrachten, bestehende Prozesse neu zu überdenken und einen Design-to-Operate-Ansatz zu wählen. So lassen sich effizientere Strukturen schaffen und Kosten einsparen. Nach einer gründlichen Bestandsanalyse und Vorbereitungsphase ist es wichtig, die richtige Migrationsmethode zu wählen: ob Greenfield, also eine Neuimplementierung der Prozesse, Brownfield, also die Überführung bestehender Prozesse, oder gar eine hybride Variante. Schulungen für das Personal sind dabei unerlässlich, um den Übergang zu erleichtern und sicherzustellen, dass alle mit den neuen Funktionen und Prozessen vertraut sind.

2. Aus unseren Projekterfahrungen haben wir die zentralen Handlungsfelder identifiziert und in vier Cluster zusammengefasst: Strategie und Betriebskonzept, Mitarbeiter und Organisation, Finanzen und Recht sowie der technische Kern. Daraus haben wir ein Migrations-Canvas entwickelt, das wir auf unserer Homepage als Best-Practice-Ansatz als Download zur Verfügung stellen. Durch die strukturierte Vorgehensweise mit dem Canvas lassen sich alle relevanten Aspekte der Migration systematisch erfassen, kritische Themen identifizieren und ein konkretes Vorgehen festlegen.

3. Neben klassischen Anwendungen wie Fehleranalyse durch Bilderkennung oder Predictive Analytics ist Joule ein weiteres Beispiel für den Einsatz von künstlicher Intelligenz in SAP-Lösungen. Joule ist ein generativer KI-Copilot, der auf die umfangreichen Unternehmensdaten zugreifen und dadurch die Arbeitsweise von Unternehmen komplett verändern und vereinfachen soll. Seit kurzem werden auch die Produkthilfeseiten von SAP DM von Joule unterstützt, wodurch Suchanfragen nun in natürlicher Sprache formuliert werden können. Das macht es wesentlich einfacher, die richtigen Informationen zu finden. Trebing + Himstedt