Viele Industrieunternehmen stehen vor einer doppelten Herausforderung: Die SAP-ERP-Landschaft muss auf S/4HANA migriert werden, während gleichzeitig Qualitätssicherung (QS) und Produktion digitalisiert werden. Eine hybride Strategie – etwa der parallele Einsatz eines QM-Subsystems – ermöglicht eine zukunftssichere QS und reduziert Migrationsrisiken.
Subsysteme verbinden QS-Prozesse mit SAP-Standards.
(Bild: Quality Miners)
Noch immer setzen viele Unternehmen auf SAP ECC. Laut DSAG nutzten 2024 rund 68 Prozent der Unternehmen dieses System. Die langjährige Nutzung und starke Individualisierung erschweren die Umstellung. SAP selbst bestätigte 2023, dass 98 Prozent der Systeme modifiziert sind.Für die Migration haben sich drei Ansätze etabliert: Greenfield (Neuimplementierung, flexibel, aber aufwendig), Brownfield (schneller, übernimmt jedoch Altlasten) und Hybrid (Selective Data Transition, kombiniert beide Methoden, erfordert präzise Planung).
S/4HANA-Migration: Herausforderungen für Unternehmen
Der zögerliche Umstieg hat mehrere Gründe. Unternehmen fürchten hohe Kosten, Risiken und Produktionsunterbrechungen, zudem erfordert die Migration Schulungen, neue Schnittstellen und die IT muss erneuert werden. Zwar wurde der ECC-Support bis 2027/2030 verlängert. Dennoch drängt die Zeit – auch wegen regulatorischer Anforderungen und zunehmender Notwendigkeit zur Standardisierung. Auf der anderen Seite stehen die Ziele der S/4HANA-Migration: IT-Modernisierung, Standardisierung historisch gewachsener Prozesse, bessere Reaktionsfähigkeit und Integration neuer Technologien wie KI oder IIoT.
Qualitätsmanagement & Digitalisierung im Shopfloor
Die Ablösung papierbasierter Checklisten und die Vernetzung ermöglichen proaktives Eingreifen im Shopfloor. Digitale Erfassung verbessert Normerfüllung, Rückverfolgbarkeit und Reaktionszeit. MES- oder CAQ-Systeme können diese Anforderungen zwar abdecken, doch ihre Anbindung wird durch laufende SAP-Migrationen erschwert oder als zusätzliche Last empfunden. Eigenentwicklungen schaffen kurzfristig Abhilfe, bleiben aber oft risikobehaftete Insellösungen.
Unternehmen setzen verstärkt auf Cloud-Lösungen, um das Qualitätsmanagement standortübergreifend und in Echtzeit zu steuern. Zentral verwaltete Prüfpläne, Werkerführung und digitale QS ersetzen lokale Insellösungen. Browserbasierte, mobile Apps ermöglichen die direkte Datenerfassung im Shopfloor, Wareneingang oder Labor, während alle Verantwortlichen stets aktuelle Qualitätsdaten abrufen können. Voraussetzung ist die strikte Einbettung in die SAP-ERP-Strategie.
Hybride Strategie mit Subsystem
In der Praxis dominiert der Brownfield-Ansatz (44 Prozent) knapp vor Hybrid (42 Prozent). In beiden Fällen kann ein Subsystem die Digitalisierung unterstützen. Das geschieht durch die parallele Nutzung eines Subsystems zum bestehenden SAP-System. Darin werden moderne Funktionen bereitstellt, während die ERP-Migration parallel und sukzessive erfolgen kann.
SAP-Kompatibilität durch Standards
SQM360: Webbasierte CAQ-Erweiterung für SAP.
(Bild: Quality Miners)
Um maximale Kompatibilität sicherzustellen, muss das Subsystem konsequent auf SAP-Standards aufbauen. Praktisch heißt das: Das QS-System nutzt möglichst ausschließlich die standardisierten Integrationspunkte wie BAPI oder IDoc und bildet SAP-Objekte wie Prüflose, Prüfarten oder Qualitätsmeldungen nach, anstatt proprietäre Datenstrukturen zu verwenden. Dies ermöglicht einen unterbrechungsfreien Betrieb – unabhängig davon, ob gerade ECC oder S/4HANA führt. Zudem ermöglichen Subsysteme flexible Workflows, skalierbare Strukturen und mandantenspezifische Auslegungen. Neue Produktionslinien oder Werke können schnell per Zuordnung des Erfassungssystems digital angebunden werden, ohne das zentrale ERP tiefgreifend zu verändern. Diese Kombination aus Standardisierung und Flexibilität unterstützt Unternehmen dabei, ihre digitalen QM-Prozesse effektiv und zukunftssicher zu gestalten.
Neben klassischen Eingabegeräten an Messplätzen oder Tablets rückt zunehmend die Anbindung von Fertigungshilfsmitteln und Prüfmitteln in den Fokus. Digitale Handmessmittel, Prüfeinrichtungen und fertigungsnahe Sensorik sollen sich direkt in den Prüfprozess integrieren lassen. Auch strukturierte Messdaten aus Messmaschinen, Laborgeräten oder optischen Systemen können je nach System semi-automatisch bis vollautomatisch importiert werden.
Diese erweiterte Integration physischer Prüfmittel schafft die Voraussetzung für eine durchgängige, standardkonforme und auditierbare Qualitätssicherung – von der Erfassung bis zur Auswertung – und fördert zugleich eine Kultur der kontinuierlichen Verbesserung.
Von der Zeichnung zum SAP-Prüfplan
Die manuelle Erstellung von Prüfplänen aus technischen Zeichnungen ist aufwendig. Das Subsystem SQM360, kombiniert mit der KI-Plattform CERPRO, wandelt Zeichnungen unterschiedlicher Formate (auch gescannte PDFs) automatisiert in SAP-konforme Prüfpläne um. Merkmale werden erkannt, klassifiziert und über Schnittstellen wie BAPI_INSPECTIONPLAN_CREATE in SAP überführt. Der gesamte Ablauf ist SAP-standardkonform: Kataloge, Merkmalsarten und Stammdaten werden exakt abgebildet. Die Funktionalität ist sowohl in ECC- als auch S/4HANA-Systemen nutzbar. Die Anwendung erfolgt über ein Pay-per-Use-Modell ohne großen Implementierungsaufwand. Die Zeitersparnis in der Prüfplanung liegt bei bis zu 90 Prozent.
Qualitätsdaten im Takt der Produktion
In vernetzten Fertigungsumgebungen übernehmen MES-Systeme zunehmend die Rolle der Taktgeber für qualitätsrelevante Prozesse. Prüfungen werden kontextbezogen, ereignis- oder stückzahlbasiert ausgelöst. SAP fungiert dabei als zentrale Integrationsplattform – Subsysteme erweitern die SAP-Landschaft gezielt, um Qualität systemgestützt im Prozess sicherzustellen.
Stand: 16.12.2025
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Ein solches Subsystem unterstützt die strukturierte Übertragung prozess- und qualitätsrelevanter Daten aus SAP MES über bewährte Schnittstellen. Die relevanten Prüfmerkmale werden dem Werker kontextbezogen bereitgestellt, Ergebnisse digital rückgemeldet, Seriennummern und Zeitstempel automatisch dokumentiert.
Hybride Strategie als Königsweg
Zusammengefasst ermöglicht die hybride Strategie mit einem Subsystem eine zweigleisige Vorgehensweise. Für viele Industrieunternehmen hat sich die hybride Strategie als Königsweg erwiesen, um sowohl die S/4HANA-Migration zu meistern als auch die Qualitätsprozesse im Shopfloor zu optimieren. Anstatt den „Big Bang“ zu wagen und gleichzeitig die Migration zu vollenden und ein CAQ-System einzuführen, wird mit einem parallelen QM-Subsystem die Komplexität beherrschbar gemacht und Risiken verteilt. Weil ein elementarer Teil der Funktionalität bereits ausgelagert und zukunftssicher etabliert ist, minimiert diese Strategie die Gefahr von Betriebsunterbrechungen während der ERP-Umstellung und erlaubt schnelle Verbesserungen in der Qualitätssicherung bereits vor Abschluss der Migration.
Jonas Voss ist Prokurist bei der Quality Miners GmbH.