Im Gespräch: Francisco Almada  KI und MES gestalten die denkende Fabrik

Das Gespräch führte Rainer Trummer 7 min Lesedauer

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Francisco Almada Lobo, Mitgründer und CEO von Critical Manufacturing, skizziert denkende Fabriken: KI-gestützte MES entscheiden in Echtzeit und entlasten Teams. Der MESI 4.0 Summit 2025 betonte Vernetzung und Partnerschaften.

Der nächste MESI 4.0 Summit 2027 rückt die Rolle von kollaborativen KI-Agentennetzwerken noch stärker in den Fokus. Der Schwerpunkt wird darauf liegen, wie sich mehrere Agenten mit spezifischen Fähigkeiten funktionsübergreifend koordinieren lassen, um die gesamten Betriebsabläufe zu optimieren.(Bild:  Critical Manufacturing)
Der nächste MESI 4.0 Summit 2027 rückt die Rolle von kollaborativen KI-Agentennetzwerken noch stärker in den Fokus. Der Schwerpunkt wird darauf liegen, wie sich mehrere Agenten mit spezifischen Fähigkeiten funktionsübergreifend koordinieren lassen, um die gesamten Betriebsabläufe zu optimieren.
(Bild: Critical Manufacturing)

Digital Manufacturing (DM): Wie sehen Sie die Zukunft der Fertigung?

Francisco Almada Lobo: Produktionswerke sind auf dem Weg in eine Ära, in der Intelligenz nicht mehr nur ein zusätzliches Feature ist, sondern das betriebliche Organisationsprinzip darstellt. Das alte Modell der starren, regelgebundenen Arbeitsverfahren ist in einer Welt volatiler Lieferketten, unvorhersehbarer Nachfrage und komplexer Produkte an seine Grenzen gestoßen. Die Zukunft liegt in dem, was ich die „denkende Fabrik“ nenne – Produktionsumgebungen, die in Echtzeit urteilen, lernen und sich anpassen können.

Digitales Rückgrat dieses Wandels werden MES-Lösungen sein, die mit industriellen Datenplattformen und Künstlicher Intelligenz kombiniert werden. Anstatt auf die Anpassung von Regeln oder die manuelle Handhabung von Ausnahmebedingungen zu warten, wird ein solches System eigenständig und unvermittelt auf Ereignisse reagieren – und anhand von Kontext und vorhandenen Daten fundierte Entscheidungen treffen. Das wird zwar die menschliche Kreativität nicht ersetzen, aber es wird die Beschäftigten von der Aufgabe befreien, als Feuerwehr bei Störungen zu agieren und regelmäßige Kontrollen durchzuführen, sodass sie sich auf Innovation, Problemlösung und kontinuierliche Verbesserung konzentrieren können.

 Die Zukunft wird geprägt sein von einer Partnerschaft zwischen menschlicher Kompetenz und intelligenten, vernetzten Systemen. Erfolgreiche Unternehmen werden Betriebsabläufe mit hoher Resilienz aufbauen, die in der Lage sein werden, Störungen zu antizipieren, funktionsübergreifend zu optimieren und sich kontinuierlich weiterzuentwickeln, anstatt nur punktuell zu reagieren.

DM: Welche Rolle spielen KI und MES in einer „denkenden Fabrik“?

Francisco Almada Lobo: In einer denkenden Fabrik bildet das MES den operativen Hirnstamm – es koordiniert die Arbeitsabläufe, sichert die Qualität, sorgt für Rückverfolgbarkeit und verbindet alle Ebenen der Produktion. Aber ein MES allein reicht nicht aus. Dessen statische Logik kann mit der heutigen Volatilität nicht Schritt halten. An dieser Stelle kommt die KI ins Spiel, die gewissermaßen als übergeordnete Vernunftebene fungiert.

Die KI wertet den Kontext aus, prognostiziert die Ergebnisse und passt in Echtzeit die Pläne entsprechend an. Werden KI-Agenten direkt im MES eingebettet und durch saubere, kontextualisierte Daten unterstützt, können sie von passiven Erkenntnissen zur aktiven Ausführung übergehen. Das bedeutet im Einzelnen, die Produktion wird ad-hoc umdisponiert, Materialien werden bei Engpässen umgeleitet oder Qualitätskontrollen werden auf Grundlage von Sensor-Auffälligkeiten neu abgestimmt.

Diese Kombination transformiert die Fertigung von einer deterministischen, regelbasierten Ausführung zu einer dynamischen, zielgerichteten Optimierung. Anstatt das Bedienpersonal aufzufordern, Ausnahmebedingungen zu untersuchen, können solche Systeme die Ergebnisse vorhersehen, entsprechend handeln und aus den Ergebnissen lernen. Langfristig werden diese agentengesteuerten MES-Plattformen weniger reaktiv und mehr vorausschauend agieren, sodass ein geschlossener Kreislauf entsteht, in dem sich die Intelligenz kontinuierlich weiterentwickelt.

Eine intelligente Fabrik ist nur so intelligent wie ihre Daten. Selbst die ausgereiftesten KI-Modelle sind ohne ein solides Datenfundament nutzlos.

DM: Was waren die Höhepunkte des MES & Industry 4.0 International Summit (MESI 4.0 Summit) 2025 in Porto?

Francisco Almada Lobo: Der diesjährige Summit in Porto kam mir vor wie ein globaler Marktplatz der Ideen. Über 600 Teilnehmer aus 36 Ländern kamen zusammen, darunter Kunden, Partner, Analysten und Start-ups in einer elektrisierenden Atmosphäre. Was mir besonders auffiel, war die Ausgewogenheit: hochgradig technische, in die Tiefe gehende Beiträge standen neben strategischen Unternehmensdebatten, und dennoch war ein einheitliches Grundthema gegeben. Künstliche Intelligenz wurde nicht als eine zusätzlich einzuführende Ebene behandelt, sondern vielmehr als das Fundament, auf dem die Zukunft von MES und Fertigung neu aufbauen muss.

An den zwei Tagen erfuhren wir anhand von Fallstudien, wie Intelligenz in der Peripherie eingesetzt wird (Stichwort Intelligent Edge), wie KI-Agenten bereits heute die Bereiche der Planung und Wartung neugestalten und wie international agierende Fertigungsunternehmen komplexe Netzwerke mit adaptiven MES orchestrieren.

DM: Inwieweit hat der MESI 4.0-Gipfel neue Perspektiven für die digitale Transformation aufgezeigt?

Francisco Almada Lobo: Der Gipfel behandelte die digitale Transformation mehr als eine Reise und weniger als ein Projekt. Allzu oft wird die Transformation auf eine Frage von Tools oder Plattformen reduziert. In Porto setzte sich die Erkenntnis durch, dass es sich hierbei um einen mehrstufigen, langfristigen Prozess handelt, an dessen Beginn die Grundlagen stehen müssen: Integration von MES-, Automatisierungs- und Datenplattformen zu einem einzigen, einheitlichen Rückgrat, bevor moderne KI darauf aufgesetzt wird.

Genauso wichtig war die Betonung des menschlichen Faktors. Die Redner strichen heraus, dass Vertrauen, Transparenz und Erklärbarkeit unverzichtbar für eine breite Akzeptanz sind. Die KI darf den Menschen nicht ersetzen, sondern muss mit ihm zusammenarbeiten – und zwar auf eine Art und Weise, die Vertrauen schafft anstatt Angst zu schüren.

<p>Das Bild zeigt Francisco Almada Lobo, Geschäftsführer und Mitgründer von Critical Manufacturing.<p>
Francisco Almada Lobo sieht die Produktionswerke auf dem Weg in eine Ära, in der KI nicht mehr nur ein zusätzliches Feature ist, sondern das betriebliche Organisationsprinzip darstellt.
(Bild: Critical Manufacturing)

DM: Welche neuen Trends in der Fertigungsindustrie sind Ihnen auf dem Summit aufgefallen?

Francisco Almada Lobo: Drei Themen standen immer wieder im Fokus. Erstens wird die KI nicht mehr als separate, analytische Funktion betrachtet. Stattdessen wird sie direkt in das MES integriert und beeinflusst die Entscheidungsfindung in Echtzeit. Zweitens verschiebt sich das Augenmerk der Branche vom Wunsch nach „mehr Daten“ zur Konzentration auf „die richtigen Daten“. Saubere, kontextualisierte Informationen sind die Währung intelligenter Fabriken. Und drittens gewinnt das Konzept einer verteilten Intelligenz immer mehr an Bedeutung. Das heißt, dass spezialisierte KI-Agenten – jeweils zuständig für einen dezidierten Bereich wie Zeitplanung, Wartung oder Qualitätssicherung – in koordinierten Ökosystemen zusammenarbeiten. Anstelle einer isolierten Optimierung streben Hersteller eine systemweite Anpassung an, wo die Intelligenz an allen Stellen zu finden ist.

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DM: Inwieweit hat der MESI 4.0-Gipfel neue Perspektiven für die digitale Transformation aufgezeigt?

Francisco Almada Lobo: Ich vergleiche die aktuelle Situation hier einmal mit ‚Skifahren im Nebel‘. Man ist unterwegs, aber die Sicht ist eingeschränkt. Was als Nächstes kommt, lässt sich höchstens erahnen. Wichtig ist deshalb, fokussiert und flexibel zu bleiben und schnell auf das reagieren zu können, was kommt. Ähnlich verhält es sich auf dem Markt. Wir wissen, dass wirtschaftlich unsichere Zeiten zu mangelnden Investitionen führen und wir merken, wie geopolitische Veränderungen uns beeinflussen. Daher ist es umso wichtiger, dass wir bei Faulhaber resilient und resistent zugleich sind und uns die Fähigkeit erhalten, schnell zu reagieren.

DM: Was sind die größten Herausforderungen bei der MES-Einführung in stark regulierten Branchen?

Francisco Almada Lobo: In regulierten Branchen wie der Medizintechnik oder der Pharmazie wandeln Hersteller auf einem schmalen Grat zwischen Flexibilität und Compliance. Jede Prozessänderung muss dokumentiert, jede Maßnahme nachvollziehbar und jede Entscheidung überprüfbar sein. Dennoch bleibt der Innovations- und Effizienzdruck unverändert hoch.
 
Mit der Einführung von KI wird die Messlatte sogar noch höher gelegt. Autonome Handlungen dürfen nicht nur schnell sein, sie müssen auch nachvollziehbar, überprüfbar und sicher sein. Die Lösung ist die Entwicklung von MES mit eingebauten Leitplanken: die Durchsetzung von Richtlinien, die eingebundene menschliche Überwachung und die Rückverfolgbarkeit von Entscheidungen.

In regulierten Branchen wie der Medizintechnik oder der Pharmazie wandeln Hersteller auf einem schmalen Grat zwischen Flexibilität und Compliance.

DM: Wie wichtig sind Partnerschaften mit anderen Unternehmen für den Erfolg der intelligenten Fabrik?

Francisco Almada Lobo: Partnerschaften sind unverzichtbar, denn kein einzelner Anbieter oder Hersteller kann alle Puzzleteile einer intelligenten Fabrik liefern. MES, Automatisierungssysteme, Anlagenintegration, IoT-Plattformen und Datenanalyse – jeder Bereich bringt seine eigenen Kompetenzen ein. Ein Mehrwert entsteht aber erst, wenn diese Systeme nahtlos ineinandergreifen, und das funktioniert nur in Partnerschaften. Die Zusammenarbeit mit den passenden Partnern beschleunigt die Implementierung, verringert Probleme bei der Integration und stellt sicher, dass Innovationen den Weg vom Labor in die Produktionshalle finden. In einer Welt der vernetzten Fertigung hängt der Erfolg genauso vom aufzubauenden Ökosystem ab wie von der eingesetzten Technologie.

Auf dem diesjährigen MESI 4.0-Gipfel in Porto kamen über 600 Teilnehmer aus 36 Ländern zusammen und erfuhren, wie KI-Agenten bereits heute die Bereiche der Planung und Wartung neugestalten und wie international agierende Fertigungsunternehmen komplexe Netzwerke mit adaptiven MES orchestrieren.(Bild:  Critical Manufacturing)
Auf dem diesjährigen MESI 4.0-Gipfel in Porto kamen über 600 Teilnehmer aus 36 Ländern zusammen und erfuhren, wie KI-Agenten bereits heute die Bereiche der Planung und Wartung neugestalten und wie international agierende Fertigungsunternehmen komplexe Netzwerke mit adaptiven MES orchestrieren.
(Bild: Critical Manufacturing)

DM: Welche Möglichkeiten sehen Sie, um Brücken zwischen verschiedenen Marktteilnehmern zu schlagen?

Francisco Almada Lobo: Die Basis liegt in der Interoperabilität. Grundvoraussetzung sind offene Standards und Systeme die ungehindert miteinander kommunizieren können. Ohne eine solche gemeinsame Sprache wird die Zusammenarbeit eher ineffizient und auch kostspielig. Darüber hinaus schaffen praktische Initiativen wie gemeinsame F&E-Projekte, unternehmensübergreifende Pilotprojekte und Branchenforen das notwendige Vertrauen – und ermöglichen das Testen neuer Ideen unter Realbedingungen.
 
Ebenso wichtig sind klare Absprachen. Alle Partner müssen wissen, wie die Daten gemeinsam genutzt werden, wie Risiken zu beherrschen sind und welchen Mehrwert jeder Einzelne am Ende gewinnt. Werden diese Fragen von vornherein geklärt, fühlt sich eine solche Zusammenarbeit weniger wie ein Glücksspiel, sondern mehr wie eine gemeinsame Chance an.

Partnerschaften sind unverzichtbar, denn kein einzelner Anbieter oder Hersteller kann alle Puzzleteile einer intelligenten Fabrik liefern.

DM: Wie hoch bewerten Sie die Bedeutung von Datenstrategien und modernen Architekturen für die digitale Transformation?

Francisco Almada Lobo: Eine intelligente Fabrik ist nur so intelligent wie ihre Daten. Selbst die ausgereiftesten KI-Modelle sind ohne ein solides Datenfundament nutzlos. Moderne Architekturen bieten genau das: Echtzeit-Erfassung von Signalen, Kontextualisierung an der Quelle und die nahtlose Verfügbarkeit im gesamten Unternehmen. Hier kommt die so genannte „heilige Dreifaltigkeit“ ins Spiel: MES für Orchestrierung und Kontext, IoT-Plattformen für die Datenerfassung sowie moderne Datenplattformen für die Transformation und Skalierung. Sind diese drei Ebenen vollständig ineinander verzahnt, können Fabriken von der passiven Protokollierung der Vergangenheit zur aktiven Gestaltung der Zukunft übergehen.

DM: Was dürfen wir von der nächsten Ausgabe des MESI 4.0-Summit (20. & 21. Mai 2027) erwarten?

Francisco Almada Lobo: 2027 werden wir erheblich intensiver die Rolle von kollaborativen KI-Agentennetzwerken erforschen. Der Schwerpunkt wird darauf liegen, wie sich mehrere Agenten mit spezifischen Fähigkeiten funktionsübergreifend koordinieren lassen, um die gesamten Betriebsabläufe zu optimieren. Dennoch bleibt das Ziel unverändert: die globale Community der Fertigungsindustrie zusammenzubringen, vorgefertigte Hypothesen in Frage zu stellen und gemeinsam das nächste Kapitel der digitalen Industrie aufzuschlagen.