Mit der Einführung der Standardsoftware SAP Manufacturing Execution (SAP ME) und SAP Extended Warehouse Management (SAP EWM) am Standort Wetzikon hat der Anbieter von Zutritts- und Sicherheitslösungen dormakaba einen wichtigen Schritt in Richtung „Connected Company“ unternommen. Umgesetzt wurde das ambitionierte Projekt gemeinsam mit IGZ, dem SAP-Projekthaus für Produktion und Logistik.
(Quelle: dormakaba Schweiz AG/IGZ)
Rund 95 Prozent der Produkte werden in Wetzikon individualisiert gefertigt; eine Lagerhaltung von Fertigwaren findet nahezu nicht statt. Pro Tag sind mehr als 1.000 Kundenaufträge abzuarbeiten. Daraus resultieren über 3.000 Fertigungsaufträge im gleichen Zeitraum. Schon allein diese Zahlen implizieren enorme Herausforderungen. Hinzu kommen die kundenspezifischen Codierungen (Permutation) und die mit „Losgröße 1“ einhergehende Variantenvielfalt, die sich auf n x 100.000 beläuft.
Bis zum Umstieg auf die neue Standardsoftware für die Produktions- und Materialflusssteuerung nutzte man bei dormakaba ein eigenentwickeltes – in den verschiedenen Werken unterschiedlich ausgeprägtes – MES-System sowie eine spezielle Lagerverwaltungslösung im Bereich der Logistik. Wenngleich man die erforderlichen Leistungswerte erreichte, konnten neue Markt- und Produktanforderungen nur durch zeitintensive Weiterentwicklungen bedient werden. In diesem Kontext erwies sich auch die Abhängigkeit von internem Spezialisten-Know-how als langfristig nicht tragfähig.
Digitalisierungsstrategie weist den Weg
„Diese Architektur passte nicht mehr in die Gesamtstrategie“, erklärt Christoph Kunz, Leiter des Werks Wetzikon. „Im Rahmen unserer Digitalisierungsinitiativen fokussieren wir eine End-to-End integrierte Systemlandschaft, auf deren Basis sich Connected Services realisieren lassen.“ Es gelte, sowohl Produkte untereinander als auch das Unternehmen mit seinen Kunden im Sinne von Industrie 4.0 durchgängig zu vernetzen. Für die Produktion bedeutet der Digitalisierungsansatz: horizontale und vertikale Integration, Standardisierung und Ablösung der bisherigen Systemlandschaft. Vor diesem Hintergrund war auch die Abkehr von der papierunterstützten Fertigung nur konsequent.
Phasenmodell statt „Big Bang“
Im Rahmen einer Voranalyse hat man die geplante SAP-MES/EWM-Konzeption zunächst gemeinsam mit IGZ überprüft. In den Workshops zeigte sich, dass bei den oft sehr speziellen Anforderungen SAP Manufacturing Execution (SAP ME) mehr als 75 Prozent der Anforderungen im Standard abbilden konnte, im Falle von SAP Extendend Warehouse Management (SAP EWM) sogar über 80 Prozent. Daraus resultierten deutliche Kostenvorteile. Um eine kontrollierte Migration auf die neue strategische IT-Architektur sicherstellen zu können, entschied sich dormakaba für ein im laufenden Betrieb durchzuführendes Phasenmodell anstatt eines „Big Bangs“, bei dem das Einführungsrisiko weitaus größer gewesen wäre. Zudem hätte man die gesamte Produktion leerfahren müssen.
Connected Company – Synchronisierte System-Kommunikation
Im ersten Schritt haben die IGZ-Ingenieure das Modul SAP ME in den Produktionsbereichen, ohne direkte Anbindung an das bestehende Lagersystem, implementiert. Realisiert wurde dies über Web-Service-Technologie und SAP Plant Connectivity (SAP PCo). Im Zuge dessen ist es gelungen, die Response-Zeit beim Datenaustausch zwischen den Anlagen und SAP ME auf unter 200 Millisekunden zu reduzieren. Gleichzeitig ließ sich im Bereich Schlüssel und Mechatronik bereits die papierlose Fertigung umsetzen. In der darauffolgenden Phase hat man das Produktionsleitsystem auf alle weiteren Sektionen ausgerollt und das bisherige Warehouse-Management-System durch SAP EWM ersetzt. Damit hat man die Zielvorgabe einer direkten und engen Online-Integration zwischen SAP ME und SAP EWM erreicht.
(Datenversorgung der Zylinderbefüllungsanlagen mit Parametern aus SAP ME. Bild: dormakaba Schweiz AG/IGZ)
SAP ME fungiert als „Mastersystem“
Die vollautomatischen Kleinteillager, die direkt in den Prozess eingebunden sind, bieten insgesamt 12.000 Stellplätze. Integriert in die Fördertechnik ist zudem ein sogenanntes „Zusammen-Führ-Lager“ (ZFL) mit 3.000 Stellplätzen. Bei diesem handelt es sich um eine Spezialautomatisierung, in der sich die Schlüssel aus der Vorfertigung bis zur Ankunft der passenden Zylinder/Inserts puffern lassen. Behälter mit zugehörigen Zylindern/Inserts werden SAP-EWM-unterstützt an das ZFL transportiert und vollautomatisch um zugehörige Schlüssel ergänzt. Von dort aus geht es dann weiter in die Montage.
(Vollautomatische Schlüsselfertigung in SAP ME mit FTS-Versorgung und Beladung der Produktionslinien. Bild: dormakaba Schweiz AG/IGZ)
Die Migration auf SAP-Standardsoftware bot zudem die Chance, den „Ausschuss- und Ersatz-Prozess“ (AEP) zu optimieren. Dabei handelt es sich um einen durch Nacharbeit erforderlichen Folgeschritt, in dem die erneute Fertigung von auftragsspezifischen Komponenten angestoßen wird. Diese erfahren jetzt eine spezielle Steuerung des Materialflusses mit SAP EWM direkt zum AEP-Platz. Einziges Front-End für die operativen Mitarbeiter ist jedoch SAP ME; sie haben keine Berührung mit SAP EWM. Sämtliche Materialbewegungen im Hintergrund lassen sich direkt über SAP ME als „Mastersystem“ anstoßen.
Auf dem Weg zur Connected Company: Schlanke Produktion mit Losgröße 1
„SAP ME/EWM ist für dormakaba ein wichtiger Teil von Industrie 4.0 und ermöglicht eine lückenlose End-to-End-Integration“, resümiert Christoph Kunz. „Auf dem Weg zur Connected Company sind wir damit einen entscheidenden Schritt weitergekommen.“ Die Plattform fungiert als Bindeglied zwischen Shop-Floor und dem ERP, liefert Informationen in Echtzeit und steuert die papierlose Fertigung in Losgröße 1 vollautomatisch. Transparenz sorgt zudem dafür, schnellere und bessere Entscheidungen treffen zu können. Aufgrund des flexiblen Konzepts der Maschinenanbindung an SAP ME konnte dormakaba bereits neue Anlagen vollständig in Eigenregie an SAP ME anbinden.
Stand: 16.12.2025
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Der Autor Andreas Busch ist Verkaufsleiter SAP Manufacturing bei IGZ.