Interview  "Die Produktionsplanung wird intuitiver und dialogorientierter"

Das Gespräch führte Rainer Trummer 5 min Lesedauer

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Worauf es bei der Produktionsplanung ankommt, worin sich ein intelligentes System von klassischen Planungsmethoden unterscheidet und wie KI die Produktionsplanung verändert, erläutert uns Stipo Nad, Head of Sales and Customer Management im Geschäftsbereich Production Excellence bei Inform.

Seit über 25 Jahren beschäftigt sich Stipo Nad mit den Themen Advanced Planning & Scheduling sowie der Produktionsplanung im Maschinen- und Anlagenbau und anderen Einzel- und Kleinserienfertigern.(Bild:  Inform)
Seit über 25 Jahren beschäftigt sich Stipo Nad mit den Themen Advanced Planning & Scheduling sowie der Produktionsplanung im Maschinen- und Anlagenbau und anderen Einzel- und Kleinserienfertigern.
(Bild: Inform)

Digital Manufacturing (DM): Viele Unternehmen kämpfen aktuell mit komplexen Lieferketten, kurzfristigen Kundenaufträgen und Fachkräftemangel. Wie gut ist die heutige Produktionsplanung auf diese Dynamik vorbereitet?

Stipo Nad: Ein Blick in die Praxis zeigt, dass die Produktionsplanung heute mit einer ganz anderen Geschwindigkeit und Komplexität konfrontiert ist als früher: Lieferketten sind anfälliger geworden, Kundenaufträge kommen kurzfristiger, der Variantenreichtum steigt und auch der Mangel an Fachpersonal erschwert die Planung zusätzlich. Viele Planungsprozesse sind jedoch auf deutlich stabilere Zeiten ausgelegt und stoßen schnell an ihre natürlichen Grenzen. Planer müssen in diesem Umfeld innerhalb kürzester Zeit die richtigen Entscheidungen treffen und ein dichtes Netzwerk an Abhängigkeiten koordinieren. Gerade deshalb braucht es heute eine Planung, die flexibel, datenbasiert und vorausschauend arbeitet. Hier setzt eine intelligente Produktionsplanung an.

DM: Was genau bedeutet eine ‚intelligente Produktionsplanung‘ und wie unterscheidet sich dieser Ansatz von klassischen Planungsprozessen?

Sipo Nad: Während klassische Planungsprozesse meist auf festen Regeln oder Erfahrungswerten beruhen, analysiert ein intelligentes System kontinuierlich Daten aus Produktion, Einkauf und Logistik. Es betrachtet die Fertigung als dynamisches und ganzheitliches System, in dem alle Faktoren miteinander interagieren. Entscheidungen basieren damit nicht mehr auf Erfahrungswerten oder vereinfachten Annahmen, sondern auf einem verlässlichen Modell der tatsächlichen Fertigungssituation. Dadurch lassen sich Entwicklungen früh erkennen, Alternativen prüfen und Auswirkungen einschätzen, bevor Probleme entstehen. Es wird also nicht mehr reaktiv gearbeitet, sondern mit einer vorausschauenden Logik, die auf aktuelle Daten gestützt ist.

Ein intelligentes System betrachtet die Fertigung als dynamisches und ganzheitliches System, in dem alle Faktoren miteinander interagieren.

DM: Viele Betriebe planen ihre Produktion noch immer über ERP-Systeme. Warum reicht das aus Ihrer Sicht nicht mehr aus?

Stipo Nad: ERP-Systeme sind unverzichtbar, wenn es um Geschäftsprozesse, Stammdaten und betriebswirtschaftliche Abläufe geht. Sie bringen jedoch nur begrenzte Tiefe mit. Sie planen gegen unbegrenzte Kapazitäten und sind nicht darauf ausgelegt, Fertigungsabläufe flexibel an wechselnde Situationen permanent anzupassen. Sobald sich Prioritäten ändern oder mehrere Aufträge gleichzeitig um dieselben Kapazitäten konkurrieren, fehlen Mechanismen, um diese Konflikte optimal aufzulösen. Hier braucht es Systeme, die speziell für diese operativen Fragestellungen entwickelt wurden.

DM: Mit Felios bietet Inform eine spezialisierte Software für die Produktionsplanung an. Was ist das Besondere an dieser Lösung und wie können Unternehmen konkret davon profitieren?

Stipo Nad: Felios zeichnet sich dadurch aus, dass es alle relevanten Planungsdaten in einem gemeinsamen Modell zusammenführt. Materialverfügbarkeiten, Kapazitäten, Schichtmodelle und Auftragsabhängigkeiten – all diese Informationen werden als vernetztes Gesamtsystem betrachtet. Die Software lässt sich modular an bestehende ERP-Systeme anbinden, was den Einstieg besonders einfach macht. Auf dieser Basis übernimmt Felios alle planungsrelevanten Daten und berechnet daraus eine realistische Abfolge, die das bestmögliche Gesamtergebnis zum Ziel hat. Sobald sich in der Produktion etwas verändert, bewertet das System den gesamten Plan neu und zeigt unmittelbar, welche Alternativen infrage kommen und welche Auswirkungen diese auf Termine, Materialflüsse oder Auslastungen hätten.

Unternehmen, die auf daten- und KI-gestützte Planung setzen, können schneller reagieren und zugleich verlässlichere Aussagen treffen.

DM: Künstliche Intelligenz wird häufig als Schlüsseltechnologie für die ‚Smart Factory‘ gehandelt. Wie verändert KI tatsächlich die Produktionsplanung?

Stipo Nad: KI bringt eine Rechenpower mit, die den Menschen auf diesem Gebiet bei Weitem übertrifft. Sie kann enorme Datenmengen in Sekunden verarbeiten und daraus verschiedenste Szenarien entwickeln. Ein Planer müsste dafür unzählige Abhängigkeiten gleichzeitig im Blick behalten, was unter Zeitdruck kaum möglich ist. KI erkennt Engpässe frühzeitig und zeigt Lösungsmöglichkeiten auf, die man ohne diese Unterstützung möglicherweise gar nicht sehen würde. Und anders als der Mensch priorisiert sie Fertigungsreihenfolgen auch unter Zeitdruck nicht intuitiv, sondern unter Berücksichtigung des gesamten Auftragsnetzes, etwa mit Blick auf Eilaufträge oder lokale Prioritäten. Die Entscheidungen trifft am Ende weiterhin der Mensch, aber mit einer Tiefe an Informationen, die vorher so nicht erreichbar war.

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DM: Warum führt die KI-basierte Produktionsplanung zu einem Wettbewerbsvorteil?

Stipo Nad: Unternehmen, die auf daten- und KI-gestützte Planung setzen, können schneller reagieren und zugleich verlässlichere Aussagen treffen. Das stabilisiert Abläufe, erhöht die Terminsicherheit und verbessert die Auslastung vorhandener Ressourcen. Gleichzeitig lassen sich Bestände gezielter steuern und Puffer reduzieren, ohne an Liefertreue einzubüßen. Dieser Gewinn an Transparenz und Geschwindigkeit stärkt die operative Widerstandsfähigkeit und damit die Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens. Nebenbei sinkt der Abstimmungsaufwand erheblich, was in Zeiten knapper Fachkräfte ein nicht zu unterschätzender Vorteil ist.

DM: Wie verändert sich durch KI die Rolle des Produktionsplaners?

Stipo Nad: Die Rolle des Planers wandelt sich vom reaktiven ‚Störungsmanager‘ hin zum strategischen Entscheider. Aufgaben, die heute noch viel Zeit kosten, wie das Vergleichen von Kapazitäten, das Durchrechnen von Alternativen oder das Aktualisieren von Reihenfolgen bei Störungen, werden zunehmend von der KI übernommen. Dadurch wird der Planer entlastet, aber nicht ersetzt. Seine Rolle wird analytischer und entscheidungsorientierter. Er bewertet die Vorschläge der KI, interpretiert Auswirkungen auf den Gesamtprozess und priorisiert Ziele im Kontext verschiedener Rahmenbedingungen. 

DM: Wie wird sich Ihrer Meinung nach die Produktionsplanung in den kommenden Jahren weiter verändern?

Stipo Nad: Ich denke, dass die Produktionsplanung in den kommenden Jahren deutlich intuitiver und dialogorientierter wird. Sprachsteuerung wird auch in der Fertigung ankommen: Planer können dann per Sprache Auskünfte zum Auftragsstatus oder zu kritischen Vorgängen abrufen. Gleichzeitig wird KI zunehmend komplexere Aufgaben übernehmen, Informationen aus verschiedenen Quellen zusammenführen und mit unterschiedlichen Systemen kommunizieren. Parallel gewinnt die End-to-End-Planung an Bedeutung: Die gesamte Wertschöpfungskette von Auftragserfassung über Beschaffung und Produktion bis zur Auslieferung wird in einem vernetzten, datengetriebenen Prozess abgebildet. Dadurch lassen sich Engpässe früh erkennen, Abstimmungen automatisieren und Entscheidungen in Echtzeit treffen. KI und End-to-End-Integration verstärken sich dabei gegenseitig und werden die Produktionsplanung nachhaltig verändern.