Digitale Souveränität ist für produzierende Unternehmen entscheidend, denn nur wer Daten aktiv, sicher und wertschöpfend nutzt, kann neue Technologien gezielt einsetzen. Doch was genau bedeutet digitale Souveränität und wie setzen Unternehmen diese erfolgreich um?
Daten entwickeln sich zunehmend zu einer zentralen Ressource industrieller Wertschöpfung.
(Bild: msg)
Digitale Souveränität ist ein zentrales, jedoch häufig abstrakt oder kontrovers diskutiertes Thema. Gerade für produzierende Unternehmen, insbesondere im Maschinenbau, ist daher eine klare Struktur erforderlich, um daraus konkrete Handlungsoptionen ableiten zu können. Obwohl eine ganzheitliche Betrachtung unerlässlich ist, erleichtert eine systematische Gliederung den Zugang zum Thema, macht Herausforderungen beherrschbar und unterstützt eine zielgerichtete Umsetzung. Bewährt hat sich dabei die Differenzierung in technologische, operative und Datensouveränität. Für das Management stehen primär die technologische und die Datensouveränität im Fokus, da sie die Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit unmittelbar beeinflussen und im operativen Tagesgeschäft häufig zu wenig Beachtung finden.
Digitale Souveränität als Kernfrage
Säulen der Datensouveränität: Das Zusammenspiel von Kontrolle, Transparenz, Sicherheit und Compliance ermöglicht den selbstbestimmten Einsatz der Daten.
(Bild: msg)
Daten entwickeln sich zunehmend zu einer zentralen Ressource industrieller Wertschöpfung. Der technologische Fortschritt eröffnet fortlaufend neue Potenziale, die sich durch Produktivitätssteigerungen, Prozessoptimierungen und datenbasierte Geschäftsmodelle in nachhaltige Wettbewerbsvorteile überführen lassen. Entscheidend ist dabei nicht allein die Verfügbarkeit von Daten, sondern ihr zielgerichtetes Zusammenspiel mit einer wirtschaftlich nutzbaren Verarbeitung.
Datensouveränität bezeichnet die Fähigkeit von Unternehmen, die vollständige Kontrolle über ihre Daten auszuüben und diese selbstbestimmt sowie wertschöpfend zu nutzen. Sie umfasst die Hoheit über Verwaltung und Verwendung der Daten sowie Transparenz über Datenflüsse und Zugriffsrechte. Daraus ergibt sich zugleich die Verantwortung, Datensicherheit zu gewährleisten und regulatorische sowie Compliance-Anforderungen einzuhalten. Neben dem Schutz vor unbefugtem Zugriff gewinnt zunehmend auch die verlässliche Verfügbarkeit unternehmenskritischer Daten an Bedeutung. Für Unternehmen heißt das:
Volle Kontrolle über Zugriffe, Nutzung und Weitergabe der Daten
Transparenz über Datenflüsse und Verantwortlichkeiten
Sicherstellung von Compliance und Cybersecurity
Datensouveränität bedeutet jedoch nicht, dass sämtliche Daten zwangsläufig im „eigenen Keller“ verbleiben müssen. Ziel ist vielmehr, ein angemessenes Risikoniveau zu erreichen, ohne Innovationsfähigkeit und Effizienz einzuschränken. Gelingt diese Balance, lassen sich neue Technologiepotenziale wie Generative KI, Predictive Maintenance oder adaptive Produktionssteuerung gezielt nutzen und nachhaltig zur Stärkung der Innovationskraft des Unternehmens einsetzen.
Dynamische Datenstrategien
Das Fundament für Datensouveränität ist eine individuelle, dynamische Datenstrategie, die sich kontinuierlich an Marktanforderungen, regulatorische Entwicklungen und geopolitische Veränderungen anpasst. Dies umfasst die bewusste Entscheidung, wo und wie Daten und Anwendungen betrieben werden – lokal, in europäischen Cloud-Umgebungen oder in hybriden Szenarien.
Unternehmen und Kunden verlangen zunehmend nach Infrastrukturen, die vollständig europäisch organisiert sind und keine Abhängigkeiten von außereuropäischen Mutterkonzernen aufweisen. Neben den großen Hyperscalern mit speziellen „Sovereign-Cloud“-Angeboten etablieren sich alternative Anbieter, die ihren Fokus auf Datenschutz, transparente Datenstandorte und regulatorische Konformität legen. Inzwischen können diese Lösungen auch technologisch mit den Angeboten der Hyperscaler mithalten.
Rein europäische Infrastruktur bedeutet: Infrastruktur von einem Unternehmen mit Sitz in Europa, EWR (Europäischer Wirtschaftsraum) oder einem Land mit Angemessenheitsbeschluss, ohne Mutterkonzern in einem EU-Drittland (nicht EU-Land).
Ist die strategische Entscheidung für eine rein europäische Infrastruktur gefallen, ergeben sich konkrete Prüfaufgaben:
Standort und Eigentümerstruktur des Anbieters
Compliance-Kette bis zu allen Subunternehmern
Funktionsumfang und SLA-Qualität für die wichtigsten Services
Wirtschaftlichkeit und Skalierbarkeit der Lösung
Chancen von Industrial AI
Die Debatte um digitale Souveränität darf nicht beim reinen Schutz von Daten stehen bleiben. Industrial AI entfaltet ihr Potenzial nur, wenn Daten strategisch verfügbar und nutzbar gemacht werden. Unternehmen sollten ihre Daten nicht nur besitzen, sondern sie aktiv, sicher und wertschöpfend einsetzen. Erst auf dieser Grundlage lassen sich die Möglichkeiten von Industrial AI realisieren und in messbare Wettbewerbsvorteile überführen. So zum Beispiel:
Stand: 16.12.2025
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Verbesserter Durchsatz und höhere Effizienz durch intelligente Prozessoptimierung
Frühzeitige Fehlererkennung und geringere Ausschussquoten durch KI-basierte Qualitätskontrollsysteme
Reduzierte Stillstandzeiten und gesteigerte Anlagenverfügbarkeit durch Predictive Maintenance
Neben dem souveränen Umgang mit Daten wird auch der souveräne Zugang zu leistungsfähigen KI-Modellen zu einem kritischen Erfolgsfaktor. Für geschäftskritische Anwendungen reicht es nicht aus, lediglich über die Datenhoheit zu verfügen. Unternehmen müssen in der Lage sein, auf vertrauenswürdige, nachvollziehbare und skalierbare KI-Modelle zuzugreifen. Im Rahmen der digitalen Souveränität kann dies über interne Modellbereitstellung, dedizierte europäische Plattformen oder streng geprüfte externe Anbieter erfolgen. Nur so lassen sich Architekturen entwickeln, die sowohl rechtlichen Anforderungen als auch Verfügbarkeits- und Qualitätsansprüchen genügen.
Datensouveränität als strategische Managementaufgabe
Technologische und Datensouveränität sind keine abstrakten Konzepte, sondern zentrale Managementaufgaben für produzierende Unternehmen. Sie erfordern klare Entscheidungen über Datenhoheit, die Wahl der Infrastruktur und die gezielte Betrachtung von Einsatzmöglichkeiten von KI-Technologien. Gleichzeitig gehört auch die Fähigkeit dazu, souveränen Zugriff auf KI-Modelle sicherzustellen und diese in die Software-Architekturen für geschäftskritische Anwendungen einzubinden. Wer in eine belastbare Datenstrategie, souveräne Infrastrukturen und die Fähigkeit, daraus Mehrwert zu erzielen, investiert, stärkt seine Innovationsfähigkeit, schafft regulatorische Sicherheit und bleibt nachhaltig wettbewerbsfähig.
Der Autor Dr. Christoph Reiners ist Head of Data Management Consulting bei der msg systems ag.
Der Co-Autor ist Jens Häckel ist Senior Solution Consultant bei der msg systems ag.