Deutschlands Robotik-Dilemma Robotik im Mittelstand: Stillstand oder Fortschritt?

Von Mladen Milicevic 4 min Lesedauer

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Deutschland gehört laut dem World Robotics Report 2024 zu den führenden Industriestandorten, fällt jedoch beim Robotik-Einsatz zurück.

Deutschland kann Robotik: MalocherBots werden beispielsweise für Maschinenbestückung, Palettierung oder einfache Pick-and-Place-Anwendungen eingesetzt.(Bild:  © Unchained Robotics)
Deutschland kann Robotik: MalocherBots werden beispielsweise für Maschinenbestückung, Palettierung oder einfache Pick-and-Place-Anwendungen eingesetzt.
(Bild: © Unchained Robotics)

Nach Angaben des World Robotics Report 2024 liegt Deutschland mit 415 Industrierobotern pro 10.000 Mitarbeitenden nur auf Platz fünf der Roboterdichte. Länder wie Südkorea (1.012) und Singapur (730) führen, während China mit 392 Robotern und exponentiellem Wachstum die Dynamik weiter verändert.

Besonders brisant: China installierte allein im Jahr 2024 mehr als 52 Prozent aller weltweit neu ausgelieferten Industrieroboter – ein Indiz für massives Skalieren im Produktionsalltag, nicht nur für technologische Machtdemonstration. Während asiatische Märkte datengetrieben lernen, optimieren und skalieren, ist die Realität im deutschen Mittelstand geprägt von zögerlicher Implementierung, fragmentierter Infrastruktur und einer Datenlandschaft, die kaum verwertbare Erkenntnisse liefert.

Made in Germany: Innovationen in KI, Robotik und Automatisierung

Deutschland kann Robotik. Forschungseinrichtungen wie das Fraunhofer IPA, das DFKI oder Universitäten in Karlsruhe, München oder Aachen entwickeln weltweit anerkannte Innovationen in KI, Robotik und Automatisierung. Was fehlt, ist die Brücke zwischen dieser Innovationskraft und der realen industriellen Praxis – vor allem im mittelständischen Maschinenbau, in kleinen Serienfertigungen und im Handwerk.

Die Gründe sind bekannt: Hohe Integrationskosten, inkompatible Altanlagen, fehlende Konnektivität und mangelndes Vertrauen in neue Technologien. Doch ein zentraler Engpass wird oft unterschätzt: fehlende Betriebsdaten. In vielen mittelständischen Unternehmen gibt es kaum strukturierte Daten zu Produktionsprozessen, dem Zustand von Anlagen oder Qualitätsabweichungen – geschweige denn Sensordaten, die moderne Roboter für adaptive Entscheidungen benötigen.

Ohne Daten keine Automatisierung

Die Vorstellung von „autonomen Industrierobotern“, die selbständig Aufgaben erkennen, anpassen und optimieren, basiert auf einer simplen Voraussetzung: Daten. Und zwar nicht nur historische, sondern möglichst aktuelle, prozessnahe und kontinuierlich wachsende Datenströme – etwa aus Kameras, Kraft-Momenten-Sensoren oder IoT-Systemen. Ohne diese Basis sind selbst die besten KI-Modelle nutzlos. Und genau hier liegt das Problem: Während in China Produktionslinien bewusst so gestaltet werden, dass jede Maschine, jeder Handgriff und jede Abweichung digital erfasst wird, scheitern deutsche Robotikprojekte oft schon daran, dass keine oder unzureichende Daten zur Verfügung stehen – oder sie aus rechtlichen Gründen nicht genutzt werden dürfen.

Dabei gilt der deutsche Mittelstand als Rückgrat der Wirtschaft – doch bei der digitalen Transformation wird dieses Rückgrat zunehmend brüchig. Denn Automatisierung funktioniert heute nicht mehr über dedizierte Sondermaschinen, sondern über skalierbare, flexible Robotersysteme, die sich schnell auf neue Produkte und Anforderungen einstellen können. Dafür braucht es nicht nur moderne Robotertechnik, sondern vor allem: Lernfähigkeit.

Doch Lernen kann ein System nur, wenn es auch Erfahrungen sammelt – und die entstehen im laufenden Betrieb. Genau hier fehlt im Mittelstand oft der Mut zum ersten Schritt. Zu groß scheint das Risiko, ein funktionierendes System durch einen „Testballon“ zu stören. Zu unklar sind Nutzen, ROI und Skalierbarkeit. Das Ergebnis: Innovation bleibt im Labor oder in der Großindustrie – der Mittelstand automatisiert weiter analog.

Der erste Schritt: Roboterlösungen, die Daten liefern

Bei Unchained Robotics verfolgen wir einen anderen Ansatz: Statt hochkomplexe Systeme in theoretischer Perfektion zu entwickeln, setzen wir auf pragmatische Roboterlösungen, die direkt im Produktionsalltag eingesetzt werden können – zum Beispiel für Maschinenbestückung, Palettierung oder einfache Pick-and-Place-Aufgaben.

Das Ziel ist nicht nur Prozessautomatisierung, sondern vor allem Datengenerierung im Live-Betrieb. Unsere Systeme sammeln systematisch Bild- und Sensordaten – rechtssicher, DSGVO-konform und für KI-Anwendungen strukturiert verwertbar. Dabei arbeiten wir mit Partnern aus der Industrie, der Forschung und aus regulatorischen Institutionen, um einen sicheren Datenraum für Robotikanwendungen zu schaffen.

Unser langfristiges Ziel ist der Aufbau einer europaweiten Dateninfrastruktur für industrielle Robotik. Nur wenn Daten aus unterschiedlichen Branchen, Anwendungsfällen und Umgebungen zusammengeführt und gemeinsam genutzt werden können, entsteht ein echter Lernraum für die nächste Generation autonomer Roboter.

<p>Man sieht: Mladen Milicevic, CEO von Unchained Robotics.<p>
Für Autor Mladen Milicevic ist die Realität im deutschen Mittelstand geprägt von zögerlicher Implementierung, fragmentierter Infrastruktur und einer Datenlandschaft, die kaum verwertbare Erkenntnisse liefert.
(Bild: © Unchained Robotics)

Was jetzt passieren muss

Die Frage ist nicht, ob Robotik im Mittelstand ankommt – sondern wie schnell. Und ob die Wertschöpfung dann in Europa bleibt oder in Daten-Hochburgen wie Ostasien entsteht. Wir müssen jetzt:

Daten aktiv erfassen: Nicht als Nebenprodukt, sondern als Ziel jeder Robotikanwendung.
Mutig testen: Kleine, risikoarme Pilotprojekte können große Erkenntnisse liefern.
Offen zusammenarbeiten: Forschungsinstitute, Industrie und Startups müssen auf Augenhöhe kooperieren.
Den regulatorischen Rahmen nutzen: DSGVO & Co. sind kein Hemmnis, sondern ein Qualitätsstandard.

Es ist paradox: Noch nie wurden in Deutschland so viele Industrieroboter verkauft wie heute – und doch stehen wir an einem Wendepunkt. Wenn wir jetzt nicht handeln, wird sich die Robotik von einem Innovationsmotor zu einem Standortnachteil entwickeln. Aber wir haben alle Voraussetzungen: die Technik, die Menschen, das Know-how. Jetzt muss der erste Schritt getan werden.

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Mladen Milicevic 
CEO von Unchained Robotics

Bildquelle: Unchained Robotics

Über den Autor

Mladen Milicevic gründete Unchained Robotics 2019 noch während seines Studiums gemeinsam mit Mitbegründer Kevin Freise. Das in Paderborn ansässige Start-up bietet eine unabhängige und transparente Plattform für Automatisierungstechnik. Seine Vision ist es, die industrielle Automatisierung zu vereinfachen und zu beschleunigen, um sie insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen leicht zugänglich zu machen.