Ohne eine gemeinsame Datenökonomie werden Digitalisierungsprojekte weiterhin nur an der Oberfläche kratzen und nicht viel weiter als bis ans eigene Werkstor führen. Mit dem neuen Ansatz Manufacturing-X sollen produzierende Unternehmen in die Lage versetzt werden, Wertschöpfung mit Daten zu betreiben sowie resilienter und nachhaltiger zu werden.
(Bild: Joshua Sortino/Unsplash)
Ende Oktober 2023 stellte das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) mit dem Papier „Industriepolitik in der Zeitenwende“ die Industriestrategie für Deutschland vor. Darin skizziert das BMWK, wie die digitale Transformation der Industrie in Deutschland vorangetrieben werden soll: „Die Digitalisierung von Produktionsprozessen und die digitale unternehmens- und branchenübergreifende Vernetzung sind entscheidende Faktoren für die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit sowie mehr Resilienzen und Nachhaltigkeit. […] Kernprojekt für die digitale Transformation der Industrie ist Manufacturing-X, das auf den Erfahrungen von Catena-X aufsetzt […].“ Manfacturing-X oder das speziell für den Maschinenbau initiierte Factory-X sollen also eine neue europäische Datenökonomie schaffen. Entstehen soll ein einheitlicher Markt, der einen freien Datenfluss innerhalb der Europäischen Union und über Sektoren hinweg ermöglicht.
Der Weg hin zu Manufacturing-X
Ohne eine gemeinsame Datenökonomie werden Digitalisierungsprojekte weiterhin an der Oberfläche kratzen und nicht viel weiter als bis ans eigene Werkstor führen. Mit Manufacturing-X sollen Unternehmen flächendeckend in die Lage versetzt werden, Wertschöpfung mit Daten zu betreiben, resilienter und nachhaltiger zu werden. Damit wächst die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Wirtschaft, entsteht zusätzliche Wertschöpfung aus Daten und es bildet sich eine Infrastruktur für nachhaltige Produktion: Ohne einen unternehmensübergreifenden föderativen Datenraum rücken beispielsweise auch eine produktspezifische CO2-Datenermittlung und die nächsten Schritte für eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft in weite Ferne.
Denn im Rahmen der X-Initiativen können resiliente Lieferketten abgebildet werden. Zudem finden Wertschöpfungsnetzwerke mit digitalen Geschäftsmodellen ihren Raum. Hinzu kommt, dass so eine valide Datenbasis für die Umsetzung von Nachhaltigkeitszielen entstehen kann – angefangen mit der CO2-Neutralität über faire Lieferketten bis hin zur Kreislaufwirtschaft.
Digitale Wertschöpfungsketten
Als juristische Grundlage zum Datenaustausch hat das Europäische Parlament den EU Data Act auf den Weg gebracht. Um eine höhere Wertschöpfung aus Daten zu erreichen, regelt die EU-Verordnung den fairen Datenaustausch und die Datennutzung zwischen Unternehmen, Verbrauchern und öffentlichen Einrichtungen. „Ein rechtssicherer Rahmen macht die Daten zugänglich, die bei der Nutzung von Produkten und Diensten entstehen, und stellt sicher, dass die Nutzer darüber entscheiden, was mit ihren Daten geschieht. Zudem soll der Data Act Unternehmen, die aufgrund ihrer Marktposition ihren Vertragspartnern überlegen sind, daran hindern, diese zu einseitigen Zugeständnissen zu zwingen. Und schließlich erleichtert das Gesetz den Wechsel von einem Dienstleister zu einem anderen Anbieter, etwa im Cloud-Business. Bildlich gesprochen wird das Gesetz die Schleusen vermeintlich privater Data Lakes öffnen und die Stauseen von Catena-X, Manufacturing-X und weiterer X-Initiativen fluten, um den Datenraum für eine föderative und datengetriebene Wertschöpfung zu schaffen.
Für den Maschinen- und Anlagenbau birgt die Verordnung allerdings einigen Sprengstoff. „Sie greift […] tief in das aktuelle Verständnis der Hersteller von Maschinen und Anlagen ein, wie mit den erfassten Maschinendaten umgegangen werden soll, und zwingt sie zum Umdenken“, so der VDMA. Schließlich enthalte der Data Act „neue und verpflichtende Vorgaben zur technischen Gestaltung von Maschinen und Anlagen und verschafft deren Nutzern ein Zugriffsrecht auf Maschinendaten“. Zugleich bietet er die Chance, „einen Maschinen- und Anlagenbauer zu einem herstellerunanabhängigen und sektorübergreifendend tätigen Beratungs- und Service-Anbieter zu entwickeln, um Herausforderungen wie dem Fachkräftemangel zu begegnen, Erlösquellen zu diversifizieren und Kundennähe aufzubauen.“
Manufacturing-X: Digitale Geschäftsmodelle
Unabhängig davon, wie das europäische Datenrecht letztlich ausgestaltet wird, ist die forcierte Entwicklung einer funktionierenden, europäischen Datenökonomie alternativlos. Ein Papier von McKinsey im Auftrag des VDMA teilt Digitalisierung im Maschinenbau in zwei Bereiche: zum einen in die Plattformebene, zum anderen in die Anwendungsebene mit Mehrwertdiensten. Diese werden auch als digitale Wertschöpfungsketten dargestellt, in denen Daten analysiert, neu ausgewertet oder zu innovativen Services konfiguriert werden. Damit können dann leicht nutzbare „Industrie-Apps“ oder „zubuchbare“ Services für Endnutzer einer Produktionsmaschine zur Verfügung gestellt werden. Das Ökosystem arbeitet vertrauensvoll in den förderativen Datenräumen, um gemeinsam Nutzen und Mehrwerte für den Kunden zu erarbeiten.
Stand: 16.12.2025
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Föderative Datenräume liefern Unternehmen Mehrwerte und erlauben ihnen die Monetarisierung ihrer Leistungen.
(Bild: Ondrej Neduchal/Unsplash)
Ein Projekt des Technologieanbieters Trumpf veranschaulicht die Möglichkeiten digitaler Wertschöpfung über Services, die aus Kundensicht gedacht sind. Es bietet ein neuartiges Servicemodell im Bereich Laserschneidmaschinen an. Das „Pay-per-Part-Modell“ soll es Kunden in Zukunft ermöglichen, Laservollautomaten von Trumpf zu nutzen, ohne diese kaufen oder leasen zu müssen. Kunden zahlen stattdessen für jedes geschnittene Blechteil einen zuvor vereinbarten Preis. Trumpf übernimmt dabei überwiegend die Planung, Betrieb und Wartung der Anlagen beim Kunden. In seiner umfangreichen Ausprägung ist dieses Konzept der Vorwärtsintegration zukunftsweisend. Dadurch können Kunden ihre Produktion deutlich flexibilisieren, benötigen weniger Fachkräfte, nutzen die Anlagen intensiver und profitieren vom Know-how des Herstellers über den gesamten Lebenszyklus hinweg.
Digitale Services monetarisieren
Die Daten digitaler Wertschöpfungsketten in Ökosystemen gehören verschiedenen Unternehmen. Sie alle profitieren, indem sie mit den vorliegenden Daten in föderativen Datenräumen diverse Mehrwerte liefern und ihre Leistungen auf diese Weise monetarisieren können. Nach dem Vorbild des längst etablierten Software-as-a-Service-Modells sind Geschäftsmodelle entstanden, die den Nutzen für den Kunden, nicht aber das Produkt ins Zentrum rücken. Im Rahmen von Manufacturing-as-a-Service nutzen produzierende Unternehmen ein und dieselbe Maschine oder einen Maschinenpark gemeinsam. Abgerechnet wird die bezogene Leistung. Banken und Leasinggesellschaften, die eine wichtige Rolle im Ökosystem spielen, bieten – oft im Verbund mit dem Hersteller – nutzungsbasierte Finanzierungsmodelle mit Assets as a Service (AaaS) an.
Am weitesten treibt der Ansatz Everything as a Service (XaaS) die Serviceorientierung. Während sich in der IT neben der Software auch Infrastrukturen, Plattformen, Rechenleistung und so weiter als Services betrachten lassen, zeichnen sich bereits Ansätze ab, diese Sichtweise auf Produktionsumgebungen zu übertragen. Damit die Leistungen im Rahmen eines Lebenszyklus ineinandergreifen, müssen diese vollständig digital erfasst sein und sich die entstehenden Daten über Unternehmensgrenzen hinweg austauschen lassen.
Manufacturing-X macht Mut. Zeigt die Initiative doch, vor allem im Verbund mit weiteren X-Initiativen, dass Europa die digitale Wertschöpfung in die eigenen Hände nehmen will und es nicht länger anderen überlässt, dieses immense Potenzial auszuschöpfen. Der Tisch ist gedeckt. Gern gesehen sind Gäste, die die richtigen digitalen Rezepte und Zutaten mitbringen. Also packen wir es an für ein wirtschaftlich potentes Europa, das auf Basis einer digitalen Vorreiterrolle den Rahmen für eine nachhaltige und global verantwortungsvolle Gesellschaft bildet.
Michael Finkler Geschäftsführer Business Development bei der proAlpha Gruppe