Die digitale Werkzeugakte als ein datengetriebenes Geschäftsmodell bietet Werkzeugbaubetrieben die Möglichkeit, sich von Mitbewerbern zu differenzieren. Dieser Beitrag ist der zweite der dreiteiligen Reihe „Die digitale Werkzeugakte“ und erläutert die Vernetzung zwischen Serienproduzent und Werkzeugbaubetrieben.
Die verschiedenen Anforderungen an die digitale Werkzeugakte.
(Bild: WBA Aachener Werkzeugbau Akademie GmbH)
Die digitale Werkzeugakte ist ein Meilenstein in der Fertigungsindustrie. Als Bindeglied zwischen Werkzeugbaubetrieb und Serienproduzent, ermöglicht sie eine umfassende Sammlung und Analyse von Daten entlang des Werkzeuglebenszyklus. Um die Potentiale der digitalen Werkzeugakte voll ausschöpfen zu können, stehen Werkzeugbaubetriebe zunächst aber vor der Herausforderung, diese bedarfsgerecht zu entwickeln und optimal beim Kunden zu integrieren.
Für die Entwicklung der digitalen Werkzeugakte für das eigene Portfolio sind besonders in den ersten Entwicklungsschritten Feedback-Schleifen und die enge Zusammenarbeit mit ersten Referenzkunden von hoher Bedeutung. Der Design-Thinking-Prozess, der sich über sechs Phasen erstreckt, ist dabei eine bewährte Methode, um nutzerzentrierte Innovationen zu entwickeln. Sind diese ersten Schritte erfolgreich durchlaufen, steht der Etablierung und dem Ausbau der digitalen Werkzeugakte nichts mehr im Weg.
Tieferes Verständnis der Kundenanforderungen
Der erste Schritt zur erfolgreichen Entwicklung einer digitalen Werkzeugakte ist das tiefgehende Verständnis der Kundenbedürfnisse und -anforderungen. Hierzu sollten verschiedene Methoden der Anforderungsanalyse eingesetzt werden. Workshops, Interviews und Umfragen mit unterschiedlichen Kunden und Stakeholdern helfen, die spezifischen Bedürfnisse der Serienproduzenten zu identifizieren und zu verstehen. Diese Informationen sind essentiell, um sicherzustellen, dass die entwickelte Lösung tatsächlich den Erwartungen und Anforderungen der Kunden entspricht. Eine Herausforderung besteht darin, dass die Unsicherheit der Kundenanforderungen mit dem Neuheitsgrad des Produktes zunimmt.
Eine bewährte Methode zur Strukturierung der Anforderungen ist die Entwicklung von Personas und Use Cases. Personas sind fiktive Charaktere, die repräsentative Merkmale und Bedürfnisse der unterschiedlichen Benutzergruppen widerspiegeln. Use Cases beschreiben spezifische Anwendungsszenarien aus der Perspektive der Benutzenden. Durch diese Techniken können die Entwickelnden ein klares Bild davon gewinnen, wie die digitale Werkzeugakte im täglichen Betrieb genutzt wird und welche Funktionen besonders wichtig sind.
Die verschiedenen Schritte beim Design-Thinking-Prozess.
(Bild: WBA Aachener Werkzeugbau Akademie GmbH)
Zusammenarbeit mit dem Kunden
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die aktive Einbindung der Kunden in den Entwicklungsprozess. Eine sehr gute Möglichkeit ist die Einbeziehung der Kunden in Form von Co-Creation. In solchen Workshops arbeiten Kunden und Entwickler gemeinsam an der Ideengenerierung und Lösungsentwicklung. Von großer Bedeutung sind darüber hinaus Partnerschaften und Kooperationen mit Schlüsselkunden.
Eine enge Zusammenarbeit fördert nicht nur das gegenseitige Verständnis, sondern trägt auch dazu bei, innovative, praxisnahe und maßgeschneiderte Lösungen zu entwickeln, die den spezifischen Anforderungen der Kunden gerecht werden. Durch die enge Zusammenarbeit können die Serienproduzenten direkt an der Weiterentwicklung und Verbesserung der digitalen Werkzeugakte mitwirken. Allerdings sind bei der partnerschaftlichen Entwicklung einige Hindernisse zu überwinden, die von technischen Fragen bis hin zur Kommunikation und Vertrauensbildung zwischen den verschiedenen Akteuren reichen.
Eine partnerschaftliche Entwicklung kann durch den Einsatz agiler Methoden erreicht werden, bei denen die Entwicklung in kurzen Iterationen erfolgt und regelmäßig Feedback von den Kunden eingeholt wird. Diese iterative Vorgehensweise ermöglicht es, frühzeitig auf Änderungswünsche zu reagieren und sicherzustellen, dass das Endprodukt den Anforderungen der Kunden entspricht. Durch die Erstellung von Prototypen können Kunden bereits in frühen Phasen der Entwicklung Feedback geben. Usability-Tests helfen dabei, die Benutzerfreundlichkeit zu optimieren und potenzielle Probleme frühzeitig zu identifizieren. Diese Tests sollten in verschiedenen Entwicklungsstadien durchgeführt werden.
Richtige Auswahl der Datenerhebungsmethoden
Die Auswahl der richtigen Datenerhebungsmethoden ist zentral bei der Entwicklung der digitalen Werkzeugakte. Unterschiedliche Datenquellen und -typen müssen identifiziert und integriert werden, um eine genaue Datengrundlage zu schaffen. Hierzu gehört die Erfassung von Prozess-, Maschinen- und Werkzeugdaten über den gesamten Lebenszyklus eines Werkzeugs.
Die Methoden zur Datenerhebung können von ausgeklügelter Sensorik bis zur manuellen Erfassung durch Maschinenbediener reichen. Je autonomer die Datenerhebung, desto weniger Einfluss nimmt sie auf die Kernprozesse des Kunden. Ein zu hohes Maß an Sensorik kann jedoch durch Wartung und Ausfälle kontraproduktiv sein. Wichtig ist die gezielte Erhebung relevanter Daten, um aufwändige Sortierungsprozesse zu vermeiden. Diese strategische Wahl sollte der Werkzeugbaubetrieb bei der Entwicklung der Datenerhebungsmethoden stets berücksichtigen. Die Möglichkeiten der Verwendung von Daten und Daten-Monetarisierung sind abhängig von der Menge der verfügbaren Daten und dem Grad der Individualisierung.
Kunden-Feedback und kontinuierliche Verbesserung
Ein kontinuierlicher Verbesserungsprozess ist essenziell, um die digitale Werkzeugakte stets an die sich ändernden Anforderungen der Serienproduzenten anzupassen. Dies erfordert die Einrichtung von Feedback-Schleifen im gesamten Lebenszyklus des Produktes. Durch das Kundenfeedback, welches regelmäßig erfasst und ausgewertet wird, wird sichergestellt, dass Verbesserungen zeitnah umgesetzt werden können.
Durch die Berücksichtigung dieser vier Merkmale kann die digitale Werkzeugakte sowohl optimal auf die Bedürfnisse der Kunden abgestimmt, als auch kontinuierlich verbessert und angepasst werden. Die enge Zusammenarbeit mit dem Serienproduzenten, die Nutzung moderner Technologien und Methoden sowie ein systematischer Ansatz zur kontinuierlichen Verbesserung sind hierbei die Schlüsselfaktoren für den Erfolg.
In dem nächsten Teil der WBA-Reihe „Die digitale Werkzeugakte“ werden die aus der Vernetzung entstehenden Potenziale für neue Geschäftsmodelle und Kundenloyalität auf Basis der digitalen Werkzeugakte vertieft. Für Werkzeugbaubetriebe bietet eine digitale Werkzeugakte nicht nur die Möglichkeit, ein Werkzeug zu verkaufen, sondern auch die Einbindung der Kunden in das eigene Ökosystem. Diverse Cross-Selling-Effekte ermöglichen das Angebot von Ersatzteilen und Reparaturdienstleistungen. Der erste Teil der Reihe ist hier nachzulesen.
Stand: 16.12.2025
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