Digitalisierung im Schiffbau Echtzeit-3D-Messtechnik für fehlerfreie Umformungsprozesse

Von Fraunhofer-Institut für Angewandte Optik und Feinmechanik 3 min Lesedauer

Anbieter zum Thema

Im Projekt DIKUQ wurde ein teilautomatisiertes System zur Umformung von Stahlblechen für den Schiffbau entwickelt. Ein 3D-Messsystem erfasst Werkstücke in unter 0,5 Sekunden digital und entlastet Fachkräfte.

Das 3D-Messsystem ermöglicht den Soll-Ist-Vergleich bei der kaltplastischen Umformung von Stahlblechen in Echtzeit.(Bild:  Fraunhofer IOF)
Das 3D-Messsystem ermöglicht den Soll-Ist-Vergleich bei der kaltplastischen Umformung von Stahlblechen in Echtzeit.
(Bild: Fraunhofer IOF)

Beim Biegen tonnenschwerer Stahlbleche für den Schiffrumpf hängt die finale Geometrie bisher oft vom geschulten Blick und dem Erfahrungswissen der Werker ab. Dabei entscheiden Millimeter über Passgenauigkeit und Stabilität. Bisher stoppten die Fachkräfte den Fertigungsablauf immer wieder, um Formabweichungen manuell zu prüfen – ein zeitaufwändiger und fehleranfälliger Prozess. Herkömmliche Ansätze zur Digitalisierung dieser Prozesse aus der industriellen Serienfertigung lassen sich auf die individuelle Fertigung von Einzelstücken im Schiffbau jedoch kaum übertragen.
Das Verbundprojekt DIKUQ („Digitalisierung der kaltplastischen Umformung durch kontinuierliche Qualitätskontrolle“), gefördert durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE), setzt genau dort an: Im Vorhaben entwickelte das Fraunhofer-Institut für Angewandte Optik und Feinmechanik IOF gemeinsam mit Partnern eine teilautomatisierte Prozesskette für die kaltplastische Umformung von Schiffbauteilen. Die Projektpartner sind die Ostseestaal GmbH & Co. KG, die zugleich als Projektkoordinator fungiert, das Fraunhofer-Institut für Großstrukturen in der Produktionstechnik IGP, die Universität Rostock und die MSR-Service GmbH. Ein Schwerpunkt im Projekt ist dabei das präzise, digitale Erfassen der Werkstücke entlang der gesamten Prozesskette. 

Sensornetzwerk zur 3D-Rekonstruktion

Für das Projekt DIKUQ haben Forschende am Fraunhofer IOF ein neuartiges High-Speed Inline-3D-Messsystem entwickelt: Ein latenzarmes 3D-Sensornetzwerk, mit dem das Werkstück digital erfasst werden kann und damit präzise Soll-Ist-Vergleiche direkt an der Presse ermöglicht. Das System besteht aus jeweils zwei synchronisierten Kameras auf der rechten und linken Seite des Werkstücks, die mit den zugehörigen Projektoren gekoppelt sind. So lässt sich ein Messvolumen von bis zu 4 m x 2 m x 0,5 m in weniger als einer halben Sekunde vollständig erfassen. Die gewonnenen Bildsequenzen werden mittels Triangulation zu einem präzisen 3D-Modell des Werkstücks rekonstruiert.

<p>Auf dem Bild sieht man eine technische Vorrichtung mit mehreren Kameras oder Sensorsystemen, die an einer Schiene montiert sind. Diese Geräte scheinen für die Überwachung oder Messung in einer industriellen Umgebung konzipiert zu sein. Der Hintergrund ist blau, eventuell ein Teil der Werkstattausstattung. Die Kameras sind wahrscheinlich Teil eines Inline-3D-Messsystems zur digitalen Erfassung von Objekten oder Werkstücken.<p>
Das Sensornetzwerk besteht aus zueinander synchronisierten Kameras und je einem Projektor zur Musterprojektion für die digitale 3D-Erfassung.
(Bild: Fraunhofer IOF)

Kern des Systems ist ein flächenbasiertes 3D-Messverfahren mit strukturiertem Licht im nahen Infrarotbereich (NIR). "Dabei wird ein unregelmäßiges Muster auf die Objektoberfläche projiziert, welches sich entsprechend der Geometrie des Werkstücks verformt", erklärt Dr. Christoph Munkelt, Wissenschaftler in der Abteilung Bildgebung und Sensorik am Fraunhofer IOF. "Die Verzerrung des Musters liefert uns dann die Informationen für die 3D-Rekonstruktion."
"Der entscheidende Vorteil gegenüber herkömmlichen Verfahren liegt in der Echtzeit-Rückmeldung", erläutert der IOF-Forscher weiter. "Das System erstellt einen automatisierten Soll-Ist-Vergleich mit der Zielgeometrie, der auf das Blech projiziert wird. Der Werker sieht dadurch sofort, an welchen Stellen noch nachgearbeitet werden muss, um den Zielkorridor zu erreichen." Physische Prüfschablonen, die sonst zeitaufwendig angesetzt und ausgewertet werden mussten, können so entfallen. Stattdessen steht eine digitale "Prüfschablone" zur Verfügung, die sich jederzeit mit den Prozessdaten abgleichen lässt.

Maßnahmen gegen Fachkräftemangel und zur Prozessoptimierung

Die präzise, digitale Rückmeldung des Systems macht komplexe Arbeitsschritte, die bislang ausschließlich im Erfahrungswissen der Werker verankert waren, für neue Mitarbeitende erlernbar. "Unser Ziel ist es, den Umformprozess, der bislang vor allem durch das Know-how der Werker gestaltet wird, digital zu unterstützen. Damit begegnen wir dem Fachkräftemangel, erhöhen die Prozesssicherheit und gestalten Arbeitsplätze attraktiver", erläutert Maximilian Müller, Leiter Forschung und Entwicklung bei Ostseestaal.
Durch die digitale Erfassung der Werkstückgeometrie werden Qualitätsschwankungen minimiert, höhere Passgenauigkeiten erreicht und die Rücklaufquote gesenkt. Gleichzeitig schafft das System eine lückenlose, nachvollziehbare Dokumentation der Qualitätskontrolle für den Endkunden. 

<p>In dem Bild sieht man eine industrielle Umgebung, in der ein Werker an einer Maschinenanlage arbeitet. Er ist dabei, ein Stahlblech mit einer hydraulischen Presse oder Umformmaschine zu bearbeiten. Auf der rechten Seite gibt es ein Bedienfeld mit einem Bildschirm, das zur Steuerung der Maschine verwendet wird. Die gesamte Einrichtung ist darauf ausgelegt, den Umformungsprozess effizient und präzise zu gestalten.<p>
Im Rahmen des Projekts DIKUQ führt ein Werker die Umformung von Stahlblechen durch, um die Effizienz und Qualität in der Fertigung zu verbessern.
(Bild: Fraunhofer IOF)

Digital vernetzter Fertigungsprozess

Mit dem im Projekt DIKUQ entwickelten Gesamtsystem stellen die Verbundpartner exemplarisch einen digital vernetzten, teilautomatisierten Fertigungsprozess für die kaltplastische Umformung von Schiffbauteilen vor – von der Wareneingangskontrolle über die Planung und Steuerung der Umformschritte bis zur finalen Qualitätsprüfung. Das Automatisierungskonzept lässt sich ebenfalls auf Industrien mit ähnlichen Anforderungen übertragen, etwa in der Luft- und Raumfahrt sowie der Architektur.

Jetzt Newsletter abonnieren

Verpassen Sie nicht unsere besten Inhalte

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung