Datenraum der Zukunft: Zeitenwende für die Industrie

Verantwortlicher Redakteur:in: Rainer Trummer 5 min Lesedauer

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Unternehmen müssen ihre Daten sicher und schnell austauschen. Deshalb benötigen sie Datenräume wie Manufacturing-X. Damit lassen sich die Lieferketten der Industrie digitalisieren und vernetzen. Eine wichtige Voraussetzung, um Kosten zu sparen und Ressourcen zu schonen.

(Quelle:  Diana/AdobeStock)
(Quelle: Diana/AdobeStock)

Datenraum der Zukunft: Der globale Rohstoffverbrauch hat sich seit 1970 mehr als verdreifacht. Etwa die Hälfe der Treibhausgasemissionen entsteht bei der Rohstoffgewinnung – um diese Zahl zu senken, will die Industrie nun Stoffkreisläufe schließen. Denn laut der Unternehmensberatung McKinsey könnte allein das Recycling von Stahl den aktuellen Kohlenstoffdioxidausstoß um bis zu 60 Prozent senken. Schöner Nebeneffekt: Zirkuläres Wirtschaften erhöht die Resilienz in Krisenzeiten.

Potenzial im Datenraum

Nach Bitkom-Angaben möchte fast die Hälfe der Betriebe bis 2030 klimaneutral werden, weitere 37 Prozent wollen bis 2040 folgen. Der erste Haltepunkt auf dem Weg der Besserung heißt Bestandsaufnahme. Damit stellt sich die Frage, wie groß der ökologische Fußabdruck des jeweiligen Unternehmens ist. Noch konzentrieren sich die meisten Firmen bei der Analyse auf ihre direkten Emissionen. Das ist verständlich, sind sie doch am leichtesten zu erfassen. Aber: Die CO2-Emissionen entlang der Wertschöpfungskette (Scope 3) sind – abhängig von der jeweiligen Branche – für 75 bis 99 Prozent der Gesamtemissionen verantwortlich. Heißt: Hier schlummert das größte Reduktionspotenzial – und wir sollten es so schnell wie möglich ausschöpfen.

Wunschziel: Datenaltruismus

Unternehmen horten mittlerweile riesige Datenschätze. Aber wirkliche Ergebnisse lassen sich daraus bisher nicht ziehen. Warum ist das so? Weil sie ihre Daten nicht teilen. Viele Stakeholder ängstigen sich, sensible Geschäftsgeheimnisse zu verraten. Sie fürchten um ihre Datensouveränität oder möchten ihre wertvollen Informationen ungern „verschleudern“. Das Resultat: Ein großer Teil der Unternehmen hat nach wie vor Probleme, seinen ökologischen Fußabdruck zu messen. Denn wer seine CO2-Emissionen berechnen möchte, braucht eine Vielzahl von Daten – etwa vom gekauften Material, aber auch aus der eigenen Produktion. Das heißt, Unter­nehmen brauchen Daten, die sie selbst generieren genauso wie die Daten ihrer Zulieferer. Andernfalls fällt es Firmen unnötig schwer, Regulierungsauflagen wie das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz zu erfüllen oder der EU-Taxonomie zu entsprechen.

Ein ähnliches Bild zeichnet sich bei der Kreislaufwirtschaft ab: Wer Zirkularität erreichen will, muss das regenerative Prinzip in allen Phasen der Wertschöpfung berücksichtigen. Es gilt von der Konzeption der Produkte und Services über deren Herstellung bis hin zum Einsatz beim Verbraucher. Das lässt sich aber nur umsetzen, wenn jederzeit nachvollziehbar ist, wer welche Ressourcen in welchen Prozessen eingesetzt hat. Ohne Datenaustausch ist eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft unmöglich, da die Transparenz fehlt. Für jedes Produkt – sei es das Auto oder die Maschine in der Fabrikhalle – muss man beispielsweise festhalten, welche Materialien in welchen Mengen bei der Produktion zum Einsatz kommen. Dieses Wissen resultiert aus Daten. Und der Zugang zu diesen Informationen ist blockiert, wenn sich Unternehmen aufgrund der oben genannten Angst scheuen, einen solchen Datenfluss aufzubauen. Datenräume sind der Schlüssel für sichere Zugänge.

Eco- statt Ego-System

Der Wert von Daten lässt sich leicht steigern, wenn sich Unternehmen als Partner verstehen und die Infos aus der eigenen Wertschöpfung mit anderen teilen. Dann können Unternehmen ihren CO2-Footprint über die gesamte Wertschöpfungskette erheben und optimieren und können auch in Sachen Kreislaufwirtschaft vorankommen.

Der bessere Schutz von Umwelt und Klima ist nicht der einzige Wert, der sich durch gemeinschaftlich genutzte Daten steigern lässt. Daten helfen, Regulierungsauflagen zu erfüllen und Prozesse zu optimieren. Wenn eine Vielzahl von Datenquellen erschlossen, aggregiert und vernetzt wird, lassen sich damit zum Beispiel neue KI-Lösungen entwickeln oder branchenübergreifende Kooperationen für innovative Geschäftsmodelle schmieden. An Skalierungseffekten durch Daten sollte jedes Unternehmen interessiert sein. Daher müssen sie sich auch mit sicheren Datenräumen befassen.

Wie sieht der sichere Datenraum aus?

Gaia-X demonstriert, wie solche Datenökosysteme aussehen sollten. Denn dieser Datenraum bietet eine föderierte, offene Infrastruktur für souveränen Datenaustausch. Die Architektur und das Open-Source-Toolkit bieten technische Voraussetzungen, um sicherzustellen, dass jedes datenanbietende Unternehmen die Hoheit über die eigenen Informationen behält. Für den Informationstransfer stellt der Datenraum eine technologische Schnittstelle in der Cloud bereit, bei der Daten nicht mehr zentral zwischengespeichert werden. Während des Informationstransfers wird ein Datenvertrag automatisch generiert und gegenseitig unterschrieben. Dieser bestimmt, wer welche Zugriffsrechte erhält – für das Lesen, Bearbeiten und Kopieren. Unternehmen können den Zugriff zeitlich begrenzen und sogar mit einem Preis versehen. Das Governance-Modell sieht vor, dass sich die teilnehmenden Unternehmen zu gemeinsamen Vereinbarungen, Regeln und Standards verpflichten. Daher können Unternehmen ihre Daten sicher, selbstbestimmt und schnell austauschen.

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Industrialisierung von Daten

Catena-X, das die Gaia-X-Werte und -Standards übernommen hat, erleichtert bereits seit einiger Zeit den Austausch in der Automotive-Branche. Diesem Vorbild folgt nun das Datenraumprojekt Manufacturing-X, ein Gemeinschaftsvorhaben des Verbands der Elektrotechnik ZVEI, des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) und des Digitalverbands Bitkom. Manufacturing-X digitalisiert und vernetzt die Lieferketten der Industrie; der neue Datenraum soll noch in diesem Jahr starten. Derzeit ist der Industriesektor für ein Fünftel der Treibhausgasemissionen verantwortlich. Mit Manufacturing-X können Unternehmen neues Digitalgeschäft entwickeln, ihre CO2-Emissionen wirtschaftlich reduzieren und die Kreislaufwirtschaft forcieren. Mit dem neuen Datenraum werden Informationen so zu einem industriell handelbaren Gut.

Beispiel Gütertransport

Die Vorteile des Datenraums lassen sich gut am Beispiel „Transport“ verdeutlichen. Da teilt dann zum Beispiel das Unternehmen A den Footprint seiner LKW, die die Produkte vom Werk bis zum Containerhafen transportieren. Unternehmen B steuert den Fußabdruck der Containerschiffe bei und Unternehmen C teilt die Emissionen, die beim Transport zum Kunden anfallen. Und Unternehmen D erlaubt den Zugriff auf all jene Daten, die beim Versenden der Vorprodukte entstanden sind. Wenn alle an einer Wertschöpfungskette Beteiligten ihre Scope-1-Emissionen teilen und die Daten zusammenfädeln, können die Unternehmen auch Scope 3 berechnen und den gesetzlichen Pflichten genügen.

Datenraum: Messen anstatt raten

Die Bereitschaft zum Daten-Sharing dürfte erheblich zunehmen, wenn sich alle Daten auf den Wahrheitsgehalt überprüfen lassen, aber dennoch anonym in die Berechnungen einfließen. Rückschlüsse auf die jeweiligen Unternehmen und deren Einzeldaten sind nicht möglich. Dank Manufacturing-X müssen Unternehmen bald nicht mehr auf „Durchschnittszahlen“ und Schätzwerte externer Quellen wie dem Carbon Disclosure Project zurückgreifen, wenn sie ihre Scope-3-Emissionen angeben möchten. Sie können künftig ihre tatsächlichen Auswirkungen auf Umwelt und Klima messen – und anschließend Schritt für Schritt optimieren.

Der Autor Dandan Wang ist Senior Data Scientist bei T-Systems.

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