MES schafft Transparenz bei Ritter Sport

Ritter Sport setzt seit langem auf Datenerfassung in der Produktion. Die bisher genutzten Systeme stießen jedoch an ihre Grenzen und zeigten sich insbesondere bei der Erstellung von Analysen wenig flexibel und zeitaufwendig. Die Einführung eines MES schließt diese Lücke; die freie Kapazität der KVP-Verantwortlichen fließt nun in weiterführende Ideen.   
von Susanna Ising

Das in Waldenbuch im Aichtal ansässige Familienunternehmen Ritter Sport wurde 1912 gegründet. Ein Jahrhundert später, 2012, führte das Unternehmen eine neue MES-Lösung ein, die seitdem die durchaus komplexen Produktionsabläufe des Schokoladenherstellers unterstützt. Ihren Anfang nimmt jede Sorte an einer der drei Grundmasselinien, auf denen über 50 Schokoladensorten hergestellt werden. Ist die Schokoladenmasse zur Weiterverarbeitung bereit, geht es über Versorgungsleitungen zur nächsten Station – einer von sechs Eintafelanlagen, in denen die Schokolade in Form gegossen wird. Jede Eintafelanlage setzt sich dabei aus mehreren Gießmaschinen zusammen, doch nicht jede Anlage ist in der Lage, jede Sorte herzustellen. Ist die entsprechende Sorte produziert, wird die Schokolade auftragsbezogen durch Verpackungsmaschinen mit bis zu 1.100 Stück pro Minute verpackt.

Von positiver Erfahrung überzeugt

„Auf der Suche nach einem geeigneten System, bei der wir uns die Lösungen einiger MES-Anbieter ansahen, entschieden wir uns erneut für Fastec; zum einen, weil wir bereits sehr gute Erfahrungen mit dem easyOEE von Fastec gemacht hatten – das wir im Übrigen noch immer einsetzen – und zum anderen, weil wir durch die Modularität des Systems unser MES jederzeit erweitern und an neue Anforderungen anpassen können“, erklärt Markus Schimpf, Projektmanager Produktion bei Ritter Sport.

Eigene Softwarelösungstieß an Grenzen

Um einen Einblick in die Performance der Produktion zu erhalten, war bis zur Einführung von Fastec 4 Pro ein selbstprogrammiertes Performance-Mess-System im Einsatz. Dieses System unterlag allerdings deutlichen Restriktionen, denn es waren keine festen Störursachen hinterlegt.

Erschwerend kam hinzu, dass die erzeugten Daten lediglich in einer Datenbank gespeichert wurden. Schnelle, zielgerichtete Auswertungsmöglichkeiten – etwa die Auswertung bestimmter Störursachen – gab es nicht, sie waren deshalb nur mit viel Zeitaufwand umzusetzen.

Einführung des MES

2012 fiel die Entscheidung für ein ganzheitliches MES, getrieben vom Wunsch nach klareren Produktionsdaten, Störungsprotokollen und Ursachen-Analysen – nicht nur für die KVP-Verantwortlichen. Im Fokus der Einführung standen daher eine verbesserte Bedienbarkeit sowie schnelle und zielgerichtete Auswertungen. Mit dem Ziel vor Augen, nach und nach den gesamten Maschinenpark an das MES anzuschließen, startete das Projekt mit einer Pilotinstallation an einer Eintafelanlage inklusive Packmaschine und Speicher. Dabei vergingen vom Projektstart bis hin zu den ersten aussagekräftigen Daten etwa vier Wochen, anschließend wurden die restlichen Maschinen zügig angeschlossen.

Die Maschinendaten werden über eine Schnittstelle direkt aus der S7-Steuerung ausgelesen. Auch die Auftragsanmeldung im MES erfolgt direkt aus den S7-Steuerungen. So werden doppelte Eingaben der Maschinenbediener vermieden und gleichzeitig verhindert, dass vergessen wird, einen Arbeitsschritt anzumelden.

Mitarbeiter-Akzeptanz

Bereits vor der Entscheidung für ein neues MES wurden bei Ritter Sport Produktionsdaten erfasst. Einen Teil der Informationen lieferte das Performance-Mess-System, wobei Störungen, Rüstzeiten oder andere Vorfälle von den Maschinenbedienern auf Papier vermerkt, händisch am Computer eingetragen und anschließend ausgewertet werden mussten.

Seit der Einführung des MES erfolgt die Dateneingabe der Produktionsunterbrechungen nun direkt am Produktionsterminal. Torsten Schlegel, KVP-Koordinator bei Ritter Sport, resümiert: „Glücklicherweise wurde Fastec bei uns durchweg positiv aufgenommen. Durch das Produktionsterminal konnten die ohnehin erforderlichen Eingaben nun viel einfacher und unkomplizierter vorgenommen werden und durch die qualifizierte Störungserfassung können unsere Mitarbeiter gezielte Maßnahmen zur Störzeitenreduzierung einleiten.“

Neue Herausforderungen

Die neu gewonnene Transparenz und Datenqualität sind auch eine Herausforderung: „Man muss lernen, damit entsprechend umzugehen. Natürlich können wir nun auch auf Führungsebene besser nachvollziehen, wie gut unsere Standards funktionieren, etwa unsere Rüstwechsel. Selbstverständlich führt das auch bei uns zu einer höheren Sensibilisierung. Ebenso verhält es sich mit zielgerichteten KVP-Projekten: Hier bemerken wir einen entscheidenden Fortschritt zu vorher, als wir noch Strichlisten führen mussten. Heute können wir auf Knopfdruck die gewünschte Auswertung erhalten“, erläutert Torsten Schlegel.

Stammdatenimport aus SAP

Zum Projektstart wurden die Stamm­daten wie Artikel, Schokoladensorten und vieles mehr über Excel-Listen in das MES importiert. Kamen danach neue Daten hinzu, mussten diese zunächst händisch nachgetragen werden. Dieser Schritt erübrigt sich heute, nachdem Artikel- und Auftragsimport über eine SAP-Schnittstelle auf Basis von Fastec-Funktionsbausteinen erfolgt.

Ritter Sport setzt SAP für die Wochen­planung nach einer vorgegebenen Rüstreihenfolge ein, die in der Produktion abgearbeitet wird. Aktuell wird die Schnittstelle zu SAP erweitert, um auch die Produktionszeiten und Mengen zurückzumelden.

Prozessdaten und Monitoring

In der Schokoladenproduktion muss der Tagesmittelwert einer Produktionscharge je nach Format mindestens dem jeweiligen Sollgewicht entsprechen, weshalb das Gewicht der Tafeln durch die Prozessdatenerfassung permanent überwacht wird. Fastec hat daher eine Schnittstelle zu den Waagen implementiert.

Neben dem Gewicht ist auch die Formgeschwindigkeit relevant. Dieser Wert kann Probleme anzeigen, die nicht zwangsläufig durch gebuchte Maschinenzustände erkennbar sind. Trotzdem können so Produktionsstopps hervorgerufen werden. Auch können zu langsam laufende Maschinen die Qualität der Schokolade beeinflussen. Durch die Aufzeichnung des genauen Störungsablaufs können Störungen besser nachvollzogen werden, wodurch ein wiederholtes Auftreten vermieden wird.

Auf großen Monitoren in der Produktion wird ein Produktionsthermometer angezeigt, welches aus den Prozessdaten generiert wird. Um die Kapazität der Verpackungsanlagen abzuschätzen und gegebenenfalls auf Verzögerungen bei den Packmaschinen zu reagieren, sind die Maschinenbediener an den Eintafelanlagen auf den Speicherfüllstand in der Monitoring-Ansicht angewiesen. Projektleiter Markus Schimpf erklärt: „Mittels einer Zeitleiste kann jeder Mitarbeiter auf einen Blick sehen, wie seine Anlage in der aktuellen Schicht bis jetzt lief.“ Die Mitarbeiter sowohl in der Planung als auch in der Produktion können anhand der Daten abschätzen, ob sie handeln müssen, um die Produktionsleistung zu verbessern. Auch die Logistik nutzt das Monitoring für die Materialbereitstellung.

Weitere Projekte in der Pipeline

Um zu verdeutlichen, welchen Mehrwert Ritter Sport durch die neue MES-Lösung gewonnen hat, greift der KVP-Koordinator Torsten Schlegel gerne auf Aufgabenstellungen während seiner Six-Sigma-Ausbildung zurück: „In der Fortbildung wurde ich mit Datenmengen aus unserem alten Performance-Mess-System überschüttet, aus denen ich Handlungsbedarfe ableiten sollte. Für so eine Auswertung an nur einer einzigen Maschine habe ich damals fast einen Tag Arbeit einplanen müssen – heute kann ich mit Fastec 4 Pro alle
Anlagen in nur dreißig Minuten auswerten.“

Sowohl Projektmanager Schimpf als auch KVP-Koordinator Schlegel haben für den weiteren Ausbau ihres MES konkrete Vorstellungen: Neben dem Energie-Monitoring sollen an den Terminals künftig weitere Informationen angezeigt werden, etwa Lagerorte und Abläufe. Zudem sieht Schlegel durch die vielen unterschiedlichen Systeme, die Ritter Sport in der Produktion einsetzt, die Notwendigkeit, die erzeugten Daten zu konsolidieren – und darin eine weitere Aufgabe für Fastec. jbi


Autorin: Susanna Ising (M.A.) ist verantwortlich für das Marketing und die Öffentlichkeitsarbeit bei Fastec.

  • Die Alpenmilch-Kurve: Fertige Tafeln auf dem Weg zu den Verpackungsmaschinen. Bild: Ritter Sport
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