30.09.2021 – Kategorie: Fertigungs-IT

Digitalisierung in der Fertigung: Das sind die Schritte zum Erfolg

Digitalisierung in der FertigungQuelle: Ringele AG
Was muss passieren, damit Digitalisierung in Fertigungsunternehmen gelingt? Das ist eine dringende Frage, auf die der neue CEO von ProAlpha, Eric Verniaut, eindringliche Worte findet.

Eric Verniaut ist seit rund einem Jahr CEO beim ERP-Anbieter ProAlpha. Im Gespräch erläutert er, was Unternehmen bei der Digitalisierung in der Fertigung und von Prozessen beachten sollten.

Pandemie und Transformation

Ein Jahr CEO beim ERP-Anbieter mitten in einer Pandemie – wie haben Sie diese Zeit erlebt, was haben Sie erreicht?

Eric Verniaut: Trotz der besonderen Herausforderungen durch die Pandemie war mein erstes Jahr als CEO recht erfolgreich. Das kommt auch daher, dass ProAlpha ein extrem stabiles Unternehmen ist, das auch in solchen Zeiten von seiner loyalen Anwenderbasis profitieren konnte. Wir haben gezeigt, dass wir auch remote ein zuverlässiger Partner seien können. Jetzt geht es um den nächsten strategischen Schritt: Wir haben ein Projekt gestartet, in dem wir unsere eigenen Prozesse auf den Prüfstand stellen.

Dabei untersuchen wir Aspekte wie die gesetzlichen und firmeninternen Vorgaben, technische und räumliche Gegebenheiten und neue Formen der Kollaboration. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse und Abläufe rollen wir dann gruppenweit aus. Zudem wollen wir sowohl organisch wachsen als auch durch Best-of-Breed Zukäufe unser Wachstum vorantreiben, wie die Akquisitionen von Böhme & Weihs sowie Corporate Planning in den letzten Monaten bereits zeigen. Das sind zentrale Bausteine, um unserer Vision einer Innovationsplattform ein Stück näher zu kommen, die die Best-of-Breed- mit der Best-of-Suite-Strategie verbindet.

Wie hat die Corona-Pandemie die Sicht der Unternehmen auf die digitale Transformation verändert?

Verniaut: Interessanterweise profitieren viele unserer Anwender von der Krise und haben trotz dieser einen deutlichen Zuwachs bei den Auftragseingängen erlebt. Gerade Fertigungsunternehmen, die bereits sehr weit in ihrer Digitalisierung und internen Transparenz sind, haben schnell und flexibel auf die veränderten Situationen reagiert. Die Pandemie verdeutlicht damit die Potenziale, aber sie legt auch Schwächen schonungslos offen. Das gilt für interne Prozesse wie auch für die Lieferketten. Viele Unternehmen, die noch nicht so weit waren, haben erkannt, welche Möglichkeiten die Digitalisierung bietet und wie sie durch sie resilienter werden können. Die Skepsis ist also deutlich gesunken.

Welche Prioritäten setzen Ihre mittelständischen Anwender, wenn es um diese Entwicklung geht?

Verniaut: Viele sind bei der Digitalisierung in der Fertigung schon weit fortgeschritten. Ihr Fokus liegt meist auf Back-Office-Prozessen – aber auch auf Business Intelligence, KI, Connected-Supply-Chain- und Mobilty-Lösungen. Weiterführende Konzepte wie Predictive Maintenance oder die Nutzung digitaler Plattformen setzen sich noch eher sukzessive durch. Denn der Schwerpunkt der Digitalisierung in Europa ist fabrikzentriert: Die Unternehmen des Maschinen- und Anlagenbaus erwirtschaften noch 98 Prozent ihres Umsatzes mit dem Vertrieb von Produkten und Dienstleistungen. Die eigentlichen Potenziale der industriellen IoT-Kommunikation (IIoT) liegen jedoch außerhalb der Werkshallen.

Digitalisierung in der Fertigung
Bei PWM – Hersteller von Preisanzeigen beispielsweise für Tankstellen – erfolgt die Vernetzung des ERP-Systems mit Drittsoftware zur Compliance-Prüfung über eine zentrale Integrationsplattform auf Basis eines Enterprise Service Bus. Bild: PWM GmbH & Co. KG

Digitalisierung in der Fertigung: Das ERP ist die Basis

Wie meinen Sie das: „außerhalb der Werkshallen“ und wie kann ERP da helfen?

Verniaut: Als digitales Rückgrat eines Unternehmens ist das ERP-System eine zentrale Daten- und Prozessintegrationsplattform. Entscheidend dafür ist jedoch eine einheitliche Datenbasis. Nur mit ihr gelingt eine effiziente, zuverlässige Interaktion über Abteilungen hinweg wie auch zu Lieferanten und Kunden jenseits der eigenen Unternehmensgrenzen. Ein gutes ERP-System ist also ein Digitalisierungsfundament, um alle Abläufe effizienter zu gestalten, Prozesse zu automatisieren und Ressourcen zu schonen – egal ob in oder außerhalb der Werkshalle.

Grundlegend dafür ist, dass das ERP-System integrationsfähig ist. Es muss künftig mit Datenströmen von vielen Subsystemen und KI-basierten Analyseplattformen umgehen können: Cloud, Robotics Process Automation (RPA), Echtzeitanalysen und Real Time Process Management stellen besondere Anforderungen an die Echtzeitdaten-Verarbeitung. Eine Integrationsplattform auf Basis eines Enterprise Service Bus (ESB) ist da ein wichtiger Schritt. Über einen ESB stellen alle angebundenen IT-Systeme ihre Daten zum Austausch bereit und jedes System holt sich die Daten, die es benötigt. Ein wirkliches Rückgrat also.

Das klingt ziemlich komplex. Wie sollten sich Mittelständler dem annähern? Bottom-up oder Top-down?

Verniaut: Die Digitalisierung in der Fertigung ist ein strategischer Prozess, der vom Top-Management getrieben und unterstützt werden muss. Es muss die Möglichkeiten analysieren, wie das Unternehmen künftig flexibler auf Marktveränderungen reagieren kann. Gerade ein Mittelständler muss dies heute angehen, um sich durch effiziente, digitale Prozesse seine Wettbewerbsposition zu sichern. Dazu benötigt das Management jedoch mehr Einblick in die Prozessketten. Viele Abläufe im Unternehmen sind historisch gewachsen. Sie waren einmal alle sinnvoll, heute jedoch könnten sie überholt sein.

Aber die Digitalisierung schafft nicht von sich aus automatisch eine hohe Prozessqualität und operative Exzellenz. Im schlimmsten Fall hebt sie ineffektive Abläufe auf ein weiterhin ineffektives digitalisiertes Prozessniveau. Damit ist dem Fertigungsunternehmen jedoch nicht geholfen. Vielmehr nutzen ihm analytische Methoden wie das Process Mining. Dabei erkennt und analysiert eine Software die Abläufe im Unternehmen, indem sie die Log-Dateien der am Geschäftsprozess beteiligten IT-Systeme auswertet. Daraus erstellt sie ein Prozessmodell, das Experten analysieren und auf Effizienz hin optimieren können.

Also ersetzt Digitalisierung nicht die Prozessoptimierung! Welche Vorarbeiten sind nötig, damit es schnell vorangeht?

Verniaut: Auf dem Weg zur Digitalisierung geht es um die Verknüpfung aller am Wertschöpfungsprozess beteiligten Systeme. Ziel ist, die Produktions- und Logistikprozesse zu automatisieren und zu optimieren – über die eigenen Unternehmens- und Systemgrenzen hinweg. Das Ideal sind völlig autonome Prozesse, die auf Basis von Daten gesteuert werden und eine wirtschaftliche Produktion bis zur Losgröße 1 ermöglichen. Dabei ist eine der Grundvoraussetzungen die Datenqualität, denn sie ist das Fundament einer jeden Automatisierungsanwendung. Vielen deutschen Unternehmen fällt es jedoch schwer, die Steuerung ihrer Prozesse überhaupt an Systeme abzugeben.

Beispielsweise gibt es bereits seit zehn Jahren in unserem ERP ein System für Advanced Planning and Scheduling (APS). Dabei erstellen mathematische Verfahren Produktionspläne, die den Einsatz von Material, Werkzeugen und Personal auf betriebswirtschaftliche Ziele hin optimieren. Doch nur rund 30 bis 40 Prozent der Anwender haben dieses Modul überhaupt im Einsatz, und ein noch geringerer Teil nutzt die Option für eine vollautomatisierte Steuerung. Bei der Automatisierung eilt also der technische Fortschritt der Praxis in den Unternehmen weit voraus. Unternehmen, die neue Technologien frühzeitig und konsequent nutzten, profitieren jedoch aktuell.

So läuft es rund

Welche Fehler sollten Manager bei der Digitalisierung von Prozessen explizit vermeiden?

Verniaut: Es geht es nicht einfach darum, die existierenden Prozesse in ein digitales Format zu gießen! Im Gegenteil: Digitalisierung bietet eine grandiose Gelegenheit für ein Prozess-Re-Engineering. Dabei ist es ein Kardinalsfehler, nicht in End-to-End-Prozessen zu denken. Diese heißen nicht einfach „Rechnungsstellung“, sondern beispielsweise „Order-to-Cash“ oder „Book-to-Bill“. Das Top-Management muss hier zentral unterstützen, denn solche Prozessveränderungen sind von unternehmensweiter Tragweite. Wir befinden uns hier im Kontext strategischer Entscheidungen und nicht im Umfeld von rein durch die IT gesteuerten Projekte. Nur durch eine starke Unterstützung durch die Unternehmensführung lassen sich solche Vorhaben zum Erfolg führen.

Was ist noch besonders wichtig hinsichtlich der Digitalisierung in der Fertigung?

Verniaut: Unterschätzt wird auch die Bedeutung der Datenqualität. Sie entscheidet jedoch, wie gut ein Prozess funktioniert. Für automatisierte Fertigungsprozesse greifen die miteinander kommunizierenden Maschinen und Logistiksysteme auf Stammdaten wie Materialnummern, Fertigungsanlagen, Transportmittel, Werkzeuge oder Lieferadressen zu, die das ERP-System zur Verfügung stellt. Ein falscher Datensatz an einer einzigen Stelle genügt – weitervererbt bedingt er, durch den hohen Vernetzungsgrad der Systeme, Folgefehler und -kosten. Daher ist ein professionelles Datenqualitätsmanagement für autonome Fertigungs- und Logistikprozesse ein absolutes Muss.

Digitalisierung in der Fertigung
„Digitalisierung schafft nicht automatisch eine hohe Prozessqualität – Im schlimmsten Fall hebt sie ineffektive Abläufe auf ein weiterhin ineffektives digitalisiertes Prozessniveau.“ Eric Verniaut, Bild: ProAlpha

Was muss das Führungsteam dafür können?

Verniaut: Digitalisierung in der Fertigung ist kein Einzelprojekt, sondern setzt sich aus vielen kleineren Projektinitiativen zusammen, wobei die Prozessgestaltung dieser Initiativen im Vordergrund steht. Es müssen daher Führungskräfte an Bord sein, die diese Prozesssicht im Auge behalten und vorantreiben. Dazu brauchen sie die Vollmacht, Entscheidungen über Abteilungen hinweg zu treffen. Um alle Mitarbeiter mitzunehmen, geht es zudem darum, in der Projektstruktur das richtige Governance-Model zu schaffen, mit konkreten Arbeitspaketen und definierten Teamleistungen.

An den Führungskräften liegt es, die vielen kleinen Projektteams zusammenzuführen und die einzelnen Teams für den Projekterfolg zu begeistern. Darüber hinaus geht es auch darum, den Abteilungen die Angst vor digitalen Kerntechnologien zu nehmen. Der Mystifizierung wirkt maximale Transparenz des Managements bei der Umsetzung der einzelnen Digitalisierungsetappen entgegen. Denn niemand kennt die Prozesslandschaft besser als die Mitarbeiter in den Fachabteilungen selbst. Ohne ihre proaktive Unterstützung bei der Identifizierung ineffizienter Abläufe wird Digitalisierung nur schwer gelingen. Am Ende geht es ja nicht darum, Digitalisierung um ihrer selbst willen zu betreiben, sondern klare und messbare Mehrwerte zu schaffen.

Vielen Dank, Herr Verniaut für diesen Einblick!

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