Die additive Fertigung während der Coronakrise – Trends und neue Verfahren

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on xing
Share on whatsapp
Share on email
Share on print

Die additive Fertigung während der Coronakrise – Trends und neue Verfahren

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on xing
Share on whatsapp
Share on email
Share on print
Es bewegt sich etwas. In der Krise hat sich die additive Fertigung von der starken Seite gezeigt. Wir haben Experten gefragt, wie sich das auswirkt, welche Trends sich abzeichnen und wie sich die neuen Verfahren in die Serie bringen lassen.
3d-druck_shutterstock_725838775_marinagrigorivna

Expertentalk: 3D-Druck und additive Fertigung: Die Fragen an die Experten

  1. Die Corona-Krise hat der additiven Fertigung zu einer breiten Beachtung verholfen. Inwieweit spüren sie dadurch eine größere Akzeptanz beim praktischen Einsatz der Technologie?
  2. Welches sind aktuell die wichtigsten Trends etwa bei Software, Maschinen oder Material?
  3. Was ist bei der Anwendung der additiven Fertigung in der Serie zu beachten?
Additive FertigungQuelle: Altair Engineering
Dr.-Ing. Santhanu Jana, Technical Consultant Manufacturing Solutions, Altair Engineering

1. Die additive Fertigung ermöglicht es, Organisationen, Entwürfe und Bauteile für den 3D-Druck für eine Vielzahl an Anwendungen zu erstellen – etwa Schilde und Zubehör für Gesichtsmasken, industrielle Ersatzteile und vieles mehr. Vor allem nutzen Ingenieure und Designer Simulation, um den optimalen Entwurf zu erstellen, den Druckprozess zu simulieren, den Ausschuss zu reduzieren, und die Bauteile direkt beim ersten Mal erfolgreich zu drucken, was Zeit und Kosten spart. Die Kombination Simulationswerkzeuge und additive Fertigungsverfahren erlaubt es also, schneller zu entwickeln und zu produzieren – ohne auf eine lange Lieferkette angewiesen zu sein. Auch das steigert die Attraktivität des 3D-Drucks weiter.

2. Die wichtigste Fähigkeit eines Ingenieurs ist, den effizientesten Entwurf für bestimmte Leistungs- und Fertigungsvorgaben erstellen zu können. Dafür steht ihm eine Reihe an additiven Fertigungsprozessen, Materialien und 3D-Druckern zur Auswahl und er muss einen Entwurf erstellen, der mit möglichst geringer Fehlerquote gedruckt werden kann. Design- und Simulationstools wie Altair Inspire helfen Ingenieuren und Fertigungsexperten dabei, den Gesamtprozess virtuell durchzuspielen und effizient zu realisieren.

3. Die beiden wichtigsten Faktoren für die Serienfertigung sind Bauteilauswahl und ein Design für die additive Fertigung. Gute Auswahlkriterien für geeignete Komponenten sind Strukturvorgaben, Material, Stückzahl, Kosten für den Werkzeugbau, Durchlaufzeiten und vieles mehr. Ingenieure können ein Bauteil für die additive Fertigung so konstruieren, dass es nur wenige oder keine Stützstrukturen benötigt und Baugruppen zu einem einzigen 3D-gedruckten Bauteil konsolidiert, sodass der Materialeinsatz aber auch Druckkosten und -zeit pro Teil reduziert und teure sowie zeitaufwändige Nachbearbeitungen vermieden werden. Der Einsatz von simulationsgetriebener Entwicklung für die additive Fertigung verschiebt somit auch die Grenzen von 3D-Druck in der Serienfertigung.

Additive FertigungQuelle: Mark3D
David Schlawer, Leiter Marketing, Mark3D

1. Wir spüren in der Tat eine größere Akzeptanz von Unternehmen, die bisher der additiven Fertigung distanziert gegenüberstanden. Diese Unternehmen haben gemerkt, dass die additive Fertigung keine Zukunfts-, sondern eine Gegenwartstechnologie ist. Bedingt durch unterbrochene Lieferketten sind Unternehmen plötzlich gezwungen nach Alternativen zu suchen, ihre Teile verfügbar zu halten und unabhängiger zu fertigen. Die Corona-­Krise hilft vielen Unternehmen zwangsläufig innovativer zu werden.

2. Wer die additive Fertigung als alternative Fertigungstechnologie nutzen möchte, braucht ein zu 100 Prozent aufeinander abgestimmtes System von Software, Maschine und Material. Nur so lässt sich die Technologie erfolgreich nutzen um Betriebsmittel, Montagehilfen, Ersatzteile, Vorrichtungen, Greifer, weiche Spannbacken, Produktionshilfsmittel zu fertigen. Ein Unternehmen ist dann in der Lage solche Bauteile mannlos zu fertigen. Dann ist der 3D-Drucker ein preiswerter Facharbeiterkollege.

3. Wie definieren Sie Serie? Wir fertigen bis zu 18.000 Teile im Monat. Ist das Serie? Allerdings ist es den Maschinen egal, ob die 18.000 Teile gleich oder unterschiedlich sind. Wir sind wesentlich flexibler, als herkömmliche Fertiger. Die additive Fertigung ersetzt jedoch keine bestehenden Fertigungstechnologien komplett, aber ergänzt diese eben sehr sinnvoll. Grundsätzlich gilt, dass Geometrie, Stückzahl, Kosten und Zeit passen müssen.

Additive FertigungQuelle: Arburg
Lukas Pawelczyk, Abteilungsleiter Vertrieb Freeformer, Arburg

1. Designfreiheit, weniger Gewicht und Material, Individualität, hohe Effizienz: Für innovative Anwendungen in Medizintechnik oder Leichtbau ist AM unverzichtbar. Während der Corona-Pandemie wurden wir vermehrt um Unterstützung bei der Herstellung von Prototypen gebeten. Besonders groß war und ist das Interesse an Mund-Nasen-Masken in Hart-Weich-Verbindung. Eine solche Maske hat Arburg auch selbst entwickelt. Dank des Freeformers dauerte es nur 41 Tage vom ersten Prototypen bis zur Massenfertigung. Als offenes System verarbeitet der Freeformer verschiedenste Originalkunststoffe. Damit lassen sich auch Hart-Weich-Verbindungen, Bauteile aus teilkristallinen Materialien wie PP und weitere Produkte realisieren, die so mit keinem anderen Verfahren möglich sind. Einige unserer Kunden verarbeiten bereits biokompatible, sterilisierbare und FDA-zugelassene Originalmaterialien beispielsweise zu resorbierbaren Implantaten.

2. Einzeltrends sind das eine, aber der Mehrwert von AM kommt nur dann voll zum Tragen, sobald sich additiv ganz neue Bauteile, integrierte Funktionen und innovative Anwendungen realisieren lassen. Erst durch die richtige Kombination aus Bauteildesign, Materialwahl, Verfahren und optimierter Prozessführung wird das Potenzial voll ausgeschöpft. Das steigert Wirtschaftlichkeit und Teilequalität deutlich. Bei Bedarf bieten wir potenziellen Kunden an, ein Benchmark-Bauteil entsprechend konstruktiv zu verbessern, um durch den schichtweisen Aufbau einen Mehrwert zu generieren.

3. Mit AM können Hersteller praktisch sofort auf veränderte Bedarfe reagieren und schnell Prototypen und Kleinserien umsetzen. Diese können bei Bedarf die Zeit überbrücken, bis ein entsprechendes Werkzeug für die Großserie zur Verfügung steht. In der Serie ist die Qualitätssicherung und Prozessüberwachung des AM-Prozesses besonders wichtig. Mit dem Freeformer und unserem Know-how aus der Kunststoffverarbeitung können wir die additive Fertigung automatisieren und über OPC-UA-Schnittstelle alle relevanten Bauparameter erfassen. Denn es wird immer wichtiger sicherzustellen und zu dokumentieren, dass Funktionsbauteile auch additiv hochwertig produziert wurden.

Additive FertigungQuelle: Conrad Electronic
Markus Obermeier, Senior Expert B2B Development (Service), Conrad Electronic

1. Im Rahmen der Corona Pandemie ist für eine breite Öffentlichkeit kurzfristig deutlich geworden, wie schnell die additive Fertigung überbrückend auf wesentliche Problemstellungen reagieren kann, bis großserientaugliche, urformende Verfahren bereitstehen. Die breite Beachtung in der Öffentlichkeit führt auch heute noch dazu, dass Denkprozesse in Richtung additive Fertigung in vielen Bereichen und Branchen angeregt wurden und die Nachfrage steigt. Mit dem Conrad-3D-Online-Druck-Service in Zusammenarbeit mit unserem Partner Protiq können wir den Bedarf unserer Kunden aus Deutschland nach additiver Fertigung jederzeit gerecht werden.

2. Nach wie vor liegt ein Fokus auf der Automatisierung der additiven Wertschöpfungsprozessketten – vom Kundenauftrag bis zum Erhalt der gelieferten Produkte. Hierbei spielt die digitale Durchgängigkeit, die über Softwarelösungen entsprechend realisiert werden muss, eine große Rolle. Das aktuelle Automatisierungspotential rund um die additive Fertigung ist immens. Darüber hinaus ist das Materialportfolio im Vergleich zur traditionellen Fertigung begrenzt. In diesem Zusammenhang generieren neue Materialien wie Kupfer, Zink, Messing oder Vertreter der klassischen technischen Thermoplaste wie PA6 neue Einsatzgebiete und Möglichkeiten.

3. Bei der Serienfertigung kommt der gleichbleibend hohen Qualität eine ausgesprochen hohe Bedeutung zu. Zertifizierte Prozesse und ein professionelles Qualitätsmanagement bilden hierfür die Grundlage. Neben der Qualitätsprüfung der erzeugten Produkte, spielen prozess- und materialtechnische Facetten im Hinblick auf Konstanz, Reproduzier- und Nachverfolgbarkeit eine entscheidende Rolle.

Additive FertigungQuelle: Encee
Sebastian Trummer, Vertriebsleiter, Encee

1. Viele produzierende Unternehmen holen aufgrund der Erfahrungen aus der Corona-Krise externe Lieferketten wieder vermehrt ins eigene Unternehmen zurück, um Abhängigkeiten von Lieferanten in Bezug auf die eigene Liefertreue drastisch zu minimieren. Dabei wird immer besser verstanden, dass die Additive Fertigung in Bezug auf Kunststoff- und Metall Drucktechnologien einen tollen Beitrag dazu leisten kann. Diese sind schnell im Unternehmen integriert, schaffen Variantenvielfalt und verkürzen oftmals die Durchlaufzeit um ein Vielfaches. Zudem können klassische Nebenzeiten wie Programmieren, Rüsten, Spannen und vieles mehr auf ein Mindestmaß reduziert werden.

2. Der entscheidendste und wichtigste Faktor ist weiterhin das Zusammenspiel aller Komponenten. Industrielle 3D-Drucksoftware gewinnt ebenfalls an Wichtigkeit wie die „3D-Druck-gerechte Konstruktion“, die den Konstrukteuren, Entwicklern und Produktdesignern deutlich mehr Möglichkeiten eröffnet. So können unnötige Materialvolumen eliminiert, Topologien auf die Anwendung hin optimiert und so Kosten, Zeit sowie Gewicht gespart werden. In Kombination mit immer schneller werdenden Technologien, die sich mit großen Schritten klassischen Fertigungsverfahren annähern und anwendungsgerechten Materialien wie ABS-ESD, kohlefasergefülltes Polyamid oder Metalle wie Edelstahl, Kupfer, Titan und Aluminium, tun alle produzierende Unternehmen definitiv gut daran, diese neuen Fertigungsmöglichkeiten auch für sich in Betracht zu ziehen.

3. Wie erwähnt, nähert sich die Additive Fertigung immer mehr der klassischen Serienfertigung. Hierfür ist die Wiederholgenauigkeit, die Rückverfolgung der eingesetzten Materialien sowie das Schaffen einer gleichmäßigen Maschinenumgebung unabdingbar.

Additive FertigungQuelle: EOS Electro Optical Systems
Thomas Weitlaner, Director Additive Minds & Business Development, EOS Electro Optical Systems

1. Die Technologie hat in der Corona-Krise vor allem durch medizinische Anwendungen mehr Aufmerksamkeit erfahren. Dabei ist ein entscheidender Vorteil deutlich geworden: Die additive Fertigung kann die Abhängigkeit von traditionellen Lieferketten verringern und Engpässe durch eine dezentrale Fertigung beseitigen. Daten können gemeinsam genutzt und weltweit verschickt werden.

2. Systeme: Im Zuge der Industrialisierung steigen die Anforderungen unserer Kunden bezüglich Produktivität, Konsistenz, Qualitätsvorschriften, Zertifizierung. Daran passen wir unser Portfolio laufend an. Wir arbeiten außerdem an der Modularisierung aller System-Generationen, damit diese schneller an neue Kundenwünsche angepasst werden können. Werkstoffe: Mit neuen Werkstoffen lassen sich auch neue Anwendungsfelder erschließen. Dabei sorgen die Technology Readiness Level (TRL) von EOS für mehr Transparenz hinsichtlich der Produktreifegrade in Bezug auf Wiederholbarkeit und Zuverlässigkeit für jede einzelne Anwendung. Software: Die Software-Integration in Konstruktions-Software (CAD/CAM/CAE) sowie in Produktions-Software (MES, ERP) und die Anbindung an IoT Plattformen spielen eine immer größere Rolle, wenn es darum geht gesamte Prozess- und Produktionsketten abzubilden. Dies geht einher mit erhöhtem Interesse an Product Cyber Security für die EOS Systeme. Außerdem wird zunehmend die Automatisierung einzelner Prozessschritte für den Einsatz in der digitalen Fertigung nachgefragt.

3. Kunden, die in Additive Manufacturing (AM) investieren, möchten wissen, wie sie die Serienproduktion gestalten müssen, damit sie eine hohe Produktivität erreichen. Wie hängen Kosten, Ressourceneinsatz, Qualität, Automatisierung, Zuverlässigkeit und Wiederholbarkeit zusammen? Dies ist einer der Gründe, warum wir Simulationssoftware einsetzen. Durch die Produktionssimulation erhalten Kunden vor dem Aufbau von AM-Zellen oder -Fabriken Orientierungshilfe bei der Entwicklung von Geschäftsmodellen anhand von konkreten Berechnungen.

Additive FertigungQuelle: Gewo Feinmechanik
Andreas Woitzik, Manager, Gewo 3D und CEO, Gewo Feinmechanik

1. Gerade zu Beginn der Coronakrise hat die additive Fertigung für Aufsehen gesorgt, weil viele praktische Hilfsmittel, wie Gesichtsschilder oder die Hands-Free-Türöffner schnell produziert werden konnten. Die industrielle Akzeptanz des 3D-Drucks wurde damit meiner Meinung nach aber nicht wirklich erhöht, weil es sich hier meist um Bauteile mit DIY-Charakter handelte, die mit günstigen Desktop-Druckern von Privatpersonen produziert wurden. Jedoch hat die 3D-Druck-Industrie mit der zusätzlichen Beachtung und interessanten Anwendungsfällen eine gute Chance, die Akzep­tanz nachhaltig zu steigern.

2. Generell ist die Grundthematik bei allen 3 Punkten die gleiche! Zuverlässigkeit, Reproduzierbarkeit, Qualitätssteigerung. Die additive Fertigung ist zwar in der Industrie angekommen, aber noch lange nicht in allen Branchen. Kritische Bauteile, etwa für Flugzeuge, werden noch einige Zeit mit den „zuverlässigeren“ konventionellen Verfahren hergestellt werden. Aber sowohl Maschinen-, Software-, als auch Materialhersteller sind hier dabei Lösungen zu finden. Softwarehersteller setzen nach und nach auf Künstliche Intelligenz, Maschinenhersteller verbauen Premiumkomponenten beziehungsweise industrielle Steuerungen, wie sie bislang in hochwertigen CNC-Dreh- und Fräszentren verwendet werden.

3. Hier gilt im Prinzip das gleiche. Es muss eine zuverlässige hohe Qualität der gefertigten Bauteile gewährleistet werden. Außerdem müssen Maschinen so konzeptioniert werden, dass sie in die Fertigungsstraßen eingebunden werden können.

Frank PetrolliQuelle: HP Deutschland
Frank Petrolli, 3D Printing Country Manager Germany, HP Deutschland

1. Die Pandemie hat gezeigt, wie flexibel die 3D-Drucktechnologie ist. Viele unserer Kunden und Partner haben ihre Produktion kurzfristig auf andere dringend benötigte Produkte und Baugruppen, wie Gesichtsmasken, Maskenadapter, berührungslose Türöffner und Bestandteile für Atemschutzmasken, umgestellt. Gleichzeitig hat die Pandemie vielen Unternehmen die Abhängigkeit von internationalen Lieferketten aufgezeigt. Die flexible Produktionsmöglichkeit vor Ort hat viele überzeugt. Beides hat aus unserer Sicht wesentlich dazu beigetragen, die Akzeptanz der additiven Fertigung schnell und nachhaltig zu erhöhen.

2. Bei den Materialien wird neben Metall auch Polypropylen (PP) immer beliebter. Das ist auch in Kombination mit 3D-druck ein industrietaugliches und chemisch beständiges Material mit den gleichen Eigenschaften wie herkömmlich im Spritzguss verarbeitetes PP. Aufgrund dieser Eigenschaften und einer geringen Feuchtigkeitsaufnahme ist es besonders flexibel nutzbar. Bei den Maschinen sind es Fragen der Vernetzung der Produktionskapazitäten und die Vorteile, die der industriellen 3D Druck beim Thema nachhaltige Produktion und Optimierung der Lieferketten bietet.

3. Um die Vorteile der Additiven Fertigung zu nutzen ist ein „Weiter-So“ der falsche Weg. Die Additive Fertigung ist mehr als ein alternatives Produktionsverfahren. Vor dem Einsatz des 3D Drucks im industriellen Produktionsumfeld gilt es, Bauteile zu optimieren – oder gar zu kompletten funktionalen Baugruppen zusammen zu fassen. Je komplexer das Bauteil, desto mehr kann die Additive Fertigung ihre Vorteile ausspielen.

Justine Schmitt
Justine Schmitt, Sales Director 3D, Medacom

1. Es ist schon lange notwendig, sich über eine flexiblere und schnellere Möglichkeit der Produktion zu informieren. Die Corona-Krise hat gezeigt, wie abhängig viele Unternehmen von ihren Handelswegen sind. Mit 3D-Druck lassen sich dringend benötigte Komponenten mit kurzer Vorlaufzeit fertigen. Damit hat die additive Fertigung große Beachtung erlangt und die Vorteile von dezentralen und kurzen Prozessketten sichtbar gemacht. Trotzdem bedeutet es erst einmal eine größere Investition, um mögliche Bauteile zu identifizieren, den 3D-Druck einzuführen und die Mitarbeiter zu schulen. Ich denke aber, die Bereitschaft zum Umdenken wurde in den letzten Monaten vergrößert und die Akzeptanz zum praktischen Einsatz der Technologie ist weiter gewachsen.

2. Der Fokus liegt zum einen darauf, größere und belastbare Bauteile fertigen zu können. Ebenso wird auch viel Wert auf Schnelligkeit gelegt, um den Entwicklungszyklus zu beschleunigen oder Ersatzteile schneller zur Verfügung stellen zu können. Weitere Materialien für den 3D-Druck sind ebenfalls nötig, um neuen Anwendungsgebieten gerecht zu werden. Im Bereich Software bin ich der Überzeugung, dass hier die Automatisierung, etwa im Bereich Bauteilidentifikation oder Maschinenbedienung im Fokus stehen wird.

3. In der Serienproduktion sind vor allem die Maßhaltigkeit, Reproduzierbarkeit und die mögliche Dokumentation der kompletten Prozesskette wichtige Punkte. Ebenso gilt es zu erörtern, ob die Schnelligkeit ausreicht, um den 3D Druck einzusetzen. Hier ist es natürlich ein Unterschied, ob es um ein Bauteil für ein Auto geht oder beispielsweise um ein individualisiertes Bauteil für die Serie eines Brillenherstellers.

Die additive Fertigung in der Coronakrise – weitere Expertenmeinungen

Additive FertigungQuelle: Protolabs
Daniel Cohn, Geschäftsführer Deutschland, Protolabs

1. Die Vorteile der additiven Fertigung haben sich in der Krise ganz besonders gezeigt. Viele Unternehmen haben gemerkt, dass die weitreichende Flexibilität und Geschwindigkeit, die diese Technologie mit sich bringt, auch außerhalb von Krisenzeiten immense Geschäftsvorteile bieten können. Zudem konnten wir beobachten, dass durch Schwierigkeiten innerhalb etablierter Lieferketten händeringend nach Ausweichmöglichkeiten gesucht wurde. Auch hier konnte die additive Fertigung Abhilfe schaffen und wird wohl in Zukunft verstärkt genutzt werden.

2. Insbesondere beim Material hört der Fortschritt nie auf. Neue Werkstoffe ermöglichen es der Industrie, die additive Fertigung in immer mehr Branchen einzusetzen. Dabei ist es egal, ob eine besondere Robustheit, feine Details oder Eigenschaften wie elektrische Leitfähigkeit benötigt werden. Hinsichtlich der Software arbeiten wir gerade daran, unsere Kunden durch eine Optimierung unserer automatisierten Machbarkeitsanalyse noch besser beim Einstieg in den 3D-Druck und den erforderlichen Designmaßgaben unterstützen zu können.

3. Die additive Fertigung bietet aufgrund ihres einzigartigen Charakters weitreichende Freiheiten bei der Gestaltung von Bauteilen. Geometrien, die sonst nur schwer umsetzbar sind, lassen sich schnell und preisgünstig herstellen. Kein Wunder also, dass diese Fertigungsmethode zunehmend auch Einzug in die Serienfertigung hält. Wenn man sich für die Serienproduktion mithilfe der additiven Fertigung entscheidet, ist aber letztendlich ein ähnlicher Ablauf zu beachten wie bei der Herstellung von Prototypen. Eine für den 3D-Druck optimierte Geometrie, die richtige Materialauswahl und selbstverständlich ein Partner mit Know-how auf diesem Gebiet sind hier entscheidende Kriterien.

Additive FertigungQuelle: Trumpf
Frank-Peter Wüst, Senior Expert für Additive Manufacturing, Trumpf

1. Der 3D-Druck wurde als Enabler für eine schnelle und flexible Möglichkeit in der Fertigung wahrgenommen. Viele Unternehmen haben sich in den letzten Monaten Gedanken gemacht, welche innovativen Technologien sie einsetzen können, um ihre Fertigung besser aufzustellen. Hier bietet der 3D-Druck viele Möglichkeiten. Aber nicht in allen Industrien kann er klassische Technologien komplett ersetzen. Es ist erforderlich, sich genau mit der Technologie auseinanderzusetzen und die gesamte Wertschöpfungskette zu betrachten. Konstrukteure müssen sich von den Einschränkungen der klassischen Verfahren lösen und lernen, „in 3D“ zu denken.

2. Es geht aktuell darum, neue Materialien für den 3D-Druck zu erschließen, beispielsweise Kupfer oder Gold. Trumpf hat als erstes Unternehmen einen 3D-Drucker mit grünem Laser entwickelt. Das ermöglicht es, Edelmetalle zu verarbeiten. Im Bereich Software ist einer der wichtigsten Trends die automatische Qualitätssicherung. Deshalb haben wir mehrere Monitoring-Verfahren entwickelt, die die Qualität der Bauteile schon während des Drucks prüfen. Und bei den Maschinen geht der Trend weiterhin in Richtung eines immer höheren Automatisierungsgrads.

3. Man sollte darauf achten, die richtige Anlage für die herzustellenden Bauteile in der eigenen Fertigungsprozesskette zu berücksichtigen. Wichtig ist auch, dass die Schnittstellen der verschiedenen Maschinensysteme miteinander kompatibel sind. Die unterschiedlichen Datenformate müssen aufeinander abgestimmt sein. Unsere Anlagen verfügen zum Beispiel über offene IT-Schnittstellen und arbeiten mit einheitlichem Datenformat. Da die Automatisierung in der Serienfertigung eine große Rolle spielt, arbeiten wir außerdem intensiv daran, den 3D-Druck zu automatisieren. Besonders bei qualitätssensiblen Branchen wie der Medizintechnik ist es zudem wichtig, dass die Teile bei der Fertigung in Serie kontinuierlich die gleiche Qualität aufweisen.

Gunther KuhnQuelle: TÜV Süd Industrie Service
Gunther Kuhn, Leiter Produktmanagement Anlagensicherheit, TÜV Süd Industrie Service

1. Aus unserer Sicht nimmt die Akzeptanz der additiven Fertigung gerade bezogen auf PBF (Powder Bed Fusion) unabhängig von der Corona-Krise seit Jahren kontinuierlich zu. Ein von uns besonders betrachteter Anwendungsbereich ist dabei der der Druckgeräterichtlinie. Aus den bisher gewonnenen Erfahrungen entstehen heute schon konkrete Projekte und Anwendungsfälle rund um die additive Fertigung.

2. Eine essenzielle Entwicklung betrifft zertifizierte metallische Pulver für die Herstellung von überwachungspflichtigen Komponenten. Das ist dringend nötig, wenn Sie das Pulver als Rohstoff etwa für die Herstellung von Druckgeräten nutzen wollen. Zudem stellen wir fest, dass verstärkt an der Entwicklung von Material für die Produktion von Hybridbauteilen gearbeitet wird – also für die Kombination klassisch hergestellter Bleche und Halbzeuge mit additiv gefertigten Bereichen.

3. Speziell bei der Druckgeräteherstellung beziehungsweise der entsprechenden Komponenten gibt es bisher keine Serienfertigung mittels 3D-Druck, obwohl die technischen Möglichkeiten grundsätzlich bestehen. Das dürfte vor allem auf die geringen Erfahrungen mit den Auswirkungen der kontinuierlichen additiven Fertigung zurückzuführen sein. Ein Beispiel dafür: Wie wirkt sich die Degradation des Fertigungssystems bei der Herstellung auf das Entstehen von Bauteilunregelmäßigkeiten aus? Da solche Erfahrungswerte fehlen, muss noch jedes gefertigte Bauteil individuell betrachtet werden.

Lesen Sie auch: Digitalisierung als Grundlage für Wertschöpfung in der Fertigung

Share on facebook
Facebook
Share on twitter
Twitter
Share on linkedin
LinkedIn
Share on xing
XING
Share on whatsapp
WhatsApp
Share on email
E-Mail
Share on print
Drucken

Ihre Meinung zum Artikel

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
0 Comments
Inline Feedbacks
View all comments

Andere Leser haben sich auch für die folgenden Artikel interessiert

Werbung

Redaktionsbrief

Tragen Sie sich zu unserem Redaktions-Newsletter ein, um auf dem Laufenden zu bleiben.

Wir wollen immer besser werden!

Deshalb fragen wir SIE, was Sie wollen!

Nehmen Sie an unserer Umfrage teil, und helfen Sie uns noch besser zu werden!

zur Umfrage
Werbung
Werbung

Aktuelle Ausgabe

Topthema: Industrielle RFID-Anwendungen machen Objekte „smart“

Vom Sensor bis zur Cloud

Mehr erfahren

Tragen Sie sich jetzt kostenlos und unverbindlich ein, um keinen Artikel mehr zu verpassen!

    * Jederzeit kündbar

    Entdecken Sie weitere Magazine

    Schön, dass Sie sich auch für weitere Fachmagazine unseres Verlages interessieren.

    Unsere Fachtitel beleuchten viele Aspekte der Digitalen Transformation entlang der Wertschöpfungskette und sprechen damit unterschiedliche Leserzielgruppen an.