Paradigmenwechsel bei ERP-Systemen

Der Veränderungsdruck wirkt auf bestehende ERP-Lösungen gleich von mehreren Seiten. Einerseits kommt eine neue Generation IT-Benutzer in die Unternehmen, die Digital-Natives sind völlig andere Kommunikationstechniken und -formen gewohnt als ihre Vorgänger. Andererseits forciert die zunehmende Vernetzung von Wertschöpfungsketten und der demographische Wandel einen zunehmenden Anspruch an die Mobilität der Anwendungen. Hinzu kommt, dass durch die moderne Gestaltung von Unternehmensprozessen eine immer höhere Integration von IT-Lösungen gefordert ist, um Rationalisierungserfolge nicht zu gefährden, sobald man zwischen unterschiedlichen Unternehmenssoftwarelösungen wechselt.

Neue Bedienkonzepte
ERP-Systeme haben aktuell einen sehr hohen Grad an Reife und Funktionalität erreicht. In den vergangenen zwanzig Jahren wurden die Systeme mit einer Fülle an Funktionalität ausstaffiert, mit der das Wachstum der Bildschirme nicht annähernd mitkam. Damit sind sie inzwischen derart komplex, dass den Benutzern der Überblick über das Leistungsportfolio verloren geht und sie nur noch von Fachleuten bedient werden können. Die Ursache liegt – neben dem hohen Angebot an Funktionalität – darin, dass bei der Entwicklung der Bedienoberflächen in der Regel alle Grundsätze für Ergonomie verletzt wurden. Die Folge ist ein hoher Schulungsaufwand und selbst nach einer Woche Training können neue Benutzer in der Regel nur das allernotwendigste im neuen System verrichten.
Hinzu kommt, dass die in aller Regel an Windows-Technologien orientierten Benutzeroberflächen für junge Nutzer alles andere als attraktiv sind. Vielmehr haben sich mittlerweile in vielen alltäglichen Bereichen Touchscreen-Lösungen durchgesetzt, die den Benutzer durch das Leistungsangebot der Lösungen navigieren und bei der Erledigung seiner Aufgaben unterstützen. Diese Form von Frontends ist sicherlich auch für ERP das in absehbarer Zeit zu erreichende Ziel. Ergonomische, geführte Oberflächen könnten in Zukunft nicht nur den Schulungsaufwand auf nahe null senken, sondern darüber hinaus dafür sorgen, dass endlich eine Organisation von verbindlichen Workflows ermöglicht würde. In den aktuellen Systemen ist es immer möglich, am vorgegebenen Prozess links oder rechts vorbei zu navigieren. Im Sinne von Komplexitätsverminderung würde auf einer geführten Oberfläche nur noch das gezeigt, was im Workflow zulässig ist und so der Nutzer automatisch auf den richtigen Weg gebracht.

Die ERP-Welt dreht sich weiter.

Vernetzung
In den Unternehmen ist die Verfügbarkeit der Systeme häufig zum erfolgskritischen Faktor geworden. Daneben hat sich aber durch die zunehmende Vernetzung von Leistungs- und Wertschöpfungsnetzwerken die Notwendigkeit überbetrieblicher Informationsflüsse in Echtzeit und ohne Medienbrüche entwickelt. Zudem sind die Anforderungen an die Mobilität der Mitarbeiter und damit an die ständige und ortsunabhängige Verfügbarkeit der Unternehmenssoftwaresysteme drastisch gestiegen. Nicht nur Vertriebsaußendienst und Kundenservice benötigen derart mobile Lösungen. Durch den demographischen Wandel kann es sich eine Industriegesellschaft nicht länger erlauben, den in der Regel gut ausgebildeten, jungen und weiblichen Teil der Belegschaft, der sich für die Gründung einer Familie entscheidet, einfach ziehen zu lassen. Vielmehr sind auch hier flexible und leistungsfähige Konzepte gefragt, die es ermöglichen, wertvolle Personalressourcen für die Unternehmen zu erhalten. Damit steht die sichere und umfangreiche Verfügbarkeit von ERP auch außerhalb der Unternehmen auf der Tagesordnung.

Kollaboration
Aktuelle ERP-Systeme sind in der Regel in sich hoch integriert. In die Welt anderer Unternehmenssoftwarelösungen allerdings sind sie oft nur mit recht hohem Aufwand einzubinden. Schnittstellen bereiten den Verantwortlichen nach wie vor großes Unbehagen. Gleichzeitig erfordert jedoch eine prozessorientierte Leistungserbringung in Unternehmen, dass Unternehmenssoftwarelösungen ihre Informationen aktuell und digital austauschen. Dabei ist noch viel mehr denkbar, als zum Beispiel im Rahmen einer klassischen CAD-ERP-Schnittstelle abgebildet wird.
Warum sollten nicht in Zukunft auch Condition-Monitoring-Systeme den Kontakt mit dem ERP aufnehmen, wenn zum Beispiel eine Maschine aufgrund einer Störung abgeschaltet werden muss, auf der vom ERP ein Fertigungsauftrag geplant ist. Über eine virtuelle Arbeitsgruppe aus Fertigungssteuerung, Einkauf und Instandhaltung könnte nun in Verbindung zu elektronischen Beschaffungsplattformen geklärt werden, ob ein Ersatzteil lieferbar ist, wann der Speditionsdienstleister es anliefern kann und wann die Instandhaltung die Reparatur vornimmt. Der erledigte Serviceauftrag würde dann zurück an das ERP-System gemeldet und der Fertigungsauftrag neu geplant. Auf diese Weise ist eine Beschleunigung des Ablaufs sowie eine Dokumentation des Prozesses denkbar. Zudem wäre sowohl die synchrone als auch eine zeitlich und örtlich versetzte Zusammenarbeit im Team möglich, was das jeweilige Problem löst.

Fazit
ERP-Lösungen werden wohl noch für viele Jahre die führenden Systeme in Fertigungsunternehmen sein, allerdings werden sie anwenderfreundlicher und weit mehr vernetzt sein, als wir es heute kennen.

Autor: Volker Schnittler ist Fachreferent für kaufmännische Unternehmenssoftware beim VDMA in Frankfurt.

Bildquelle: fotolia.com

RSS Feed

Entdecken Sie die Printmagazine des WIN-Verlags